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Solingen
Als Hanswurst auf den Olymp

Solingen. Mit Bruckners A-Dur-Symphonie machten die Bergischen Symphoniker ihrem Publikum ein Weihnachtsgeschenk. Generalmusikdirektor Kuhn hat seinen Vertrag verlängert. Von Jan Crummenerl

Fast scheint es so, als habe Bruckner es geradezu gescheut, die Zahl 9 der Symphonien Beethovens zu übertreffen. Neun gezählte Symphonien hinterließ Bruckner. Man kommt aber schon auf zehn, wenn man die "anullierte" d-Moll-Symphonie hinzunimmt, an der Bruckner 1869 herumbastelte: die sogenannte 0. Symphonie. Aber Bruckner hätte glatt 17 Symphonien schreiben können: Hätte er statt jeder Umarbeitung einer Symphonie seine Energie in eine neue gesteckt, käme man auf diese Zahl. Zu den Spitzenreitern in Sachen Lebenszeitverschwendung gehört seine 4. Symphonie, von der drei Fassungen existieren. Ganz zu schweigen von der Zeit diverser Wissenschaftler, die sich die Köpfe darüber einschlagen, welche Fassung denn nun die authentischste sei.

Bruckner, seinerzeit von den einen als komponierender Hanswurst abgetan, von den anderen als neuer Olympier gefeiert, war da auch nicht hilfreich: "Ja, das weiß i selber nimmer, was i mir dabei denkt hab´."

Die selten zu hörende 6. Symphonie in A-Dur stand jetzt im Mittelpunkt des 5. Philharmonischen Konzertes im Konzertsaal. Sie gehört zu Bruckners kürzesten Symphonien, ja, sie kommt so untypisch leichtfüßig und wenig monumental daher. Vielleicht ist sie deshalb so selten gespielt. Und: Sie gehört zu den Symphonien, die Bruckner nie umgearbeitet hat. So war die schwungvolle und doch tiefgehende Interpretation durch die Bergischen Symphoniker unter Generalmusikdirektor Peter Kuhn ein gelungenes Weihnachtsgeschenk im letzten Philharmonischen Konzert in diesem Jahr an das Publikum.

Die Interpretation zeigte, dass Kuhn der richtige Mann an der richtigen Stelle ist. Und das es auch so bleiben wird: Wie das Kulturmanagement bestätigte, hat Kuhn seinen Vertrag bei den Bergischen bis zur Spielzeit 2018/2019 verlängert.

Über den mystisch raunenden Streichern erhebt sich das Hauptthema des ersten Satzes mit seinem typischen Quintfall und den Triolenbewegungen, um sich ganz schnell zu einem triumphalen Ausbruch über den hämmernden Pauken zu steigern. Klar und durchsichtig und auch mit Wucht gestalteten die Musiker die großen Ecksätze. Besonders die Blechbläser - auch in den solistischen Hornpartien - konnten glänzen. Ebenso still fängt der Finalsatz mit seinem seltsam einleitenden Thema an. Zwingend und doch locker werden auf Reprise und Coda zugesteuert. Umrahmt wird dadurch das feierlich genommene Adagio und das fast wie ein unruhiges Notturno wirkende Scherzo.

"Bruckners Werke unsterblich, oder vielleicht gar Sinfonien? Es ist zum Lachen." Leider irrt hier Johannes Brahms über seinen Kollegen. Und die Bergischen beweisen es. Ähnlich romantische Raritäten gibt es im ersten Konzertteil. Eröffnet wird mit der Ouvertüre zu Richard Wagners ersten Oper "Die Feen". Federnd leicht und mit dem nötigen dramatischen Impetus vom Orchester genommen, blitzen in diesem märchenhaften Stück Schubert und vor allem Weber durch.

Fast eine Symphonie für Violine und Orchester ist das 1. Violinkonzert des heute fast vergessenen Karl Goldmark. Hier ist Tobias Feldmann als überragender Virtuose und Gestalter am Werk. Solistisch klar strahlt er über einem fast filmreifen Orchestersound. Fast schwebende Klänge zaubern die Musiker im Air-Satz. Das Schwelgerische und Singende erinnert nicht von Ungefähr an Max Bruch, das Dramatische an Brahms.

Sensibel und auch verspielt, ließ Feldmann dieses Werk zu einer echten Entdeckung werden. Kunstvoll und auch kurios wirken die Fugenabschnitte, die vom Können des Komponisten zeugen. Aber besonders mit diesem Konzert demonstrieren die Musiker, dass es eine lohnende und vor allem für das Publikum beglückende Arbeit ist, Karl Goldmark aus der Versenkung zu holen.

Quelle: RP
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