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Serie 70 Jahre Nach Kriegsende
Am Ende hat die Freude alles überwogen

Serie 70 Jahre Nach Kriegsende: Am Ende hat die Freude alles überwogen
Helga Schumacher, hat noch viele Erinnerungen an die Zeit, als der Zweite WeltKrieg endlich zu Ende war. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Die damals 16-jährige Helga Schumacher, geborene Schmitz, erlebte das Kriegsende 1945 in der Hofschaft Neuenhaus. Von Benjamin Dresen

Helga Schumacher gerät noch heute darüber in Rage, was sie als 16-Jährige in der Höhscheider Hofschaft Neuenhaus im Frühjahr 1945 erlebte: "Das war das Verbrecherischste, solche Aktionen zu machen, als jeder sah, dass der Krieg verloren war." Denn kurz vor Kriegsende zogen die Nationalsozialisten noch die 16-Jährigen Bewohner des Halfeshofs zum Militär ein. "Die mussten hier in der Straße exerzieren, mit Gewehren, die so schwer waren, dass sie sie gar nicht tragen konnten und sich am Zaunpfahl abstützen mussten."

In diesen Tagen im März oder April fiel eine ganze Einheit von Wehrmachtssoldaten in Neuenhaus ein. "Der ganze Hof war voller Pferde und Soldaten", erinnert sich die 85-Jährige. Die Soldaten quartierten sich bei den Anwohnern ein, und der Leutnant suchte sich das schönste Zimmer aus. Es war das Schlafzimmer der Eltern von Helga Schumacher. Einige der Soldaten knöpften ihre Uniformen auf, um zu zeigen, dass sie darunter zivile Kleidung trugen. Getarnt als Zivilisten hätten sie sich so der drohenden Gefangenschaft entziehen wollen.

Weil das Ende des Krieges nahte, verschenkten die Soldaten ihre Lebensmittelrationen. "Da gab es zum ersten Mal seit langem wieder Reibekuchen zu essen." Als die Amerikaner näher rückten, kehrten die Wehrmachtssoldaten Neuenhaus den Rücken. Zurück blieben ihre Pferde - sie wurden geschlachtet oder an die Bauern verschenkt. In einem Gewölbekeller in der Nachbarschaft versteckten sich in diesen Tagen an die 20 deutsche Soldaten. "Die hatten mehr Angst als wir", erinnert sich Helga Schumacher. "Die haben gehofft, sie kommen ohne Gefangenschaft davon."

Über mehrere Jahre hatte ein Landwirt in der Hofschaft russische Zwangsarbeiter auf den Feldern beschäftigt. Gemeinsam mit den Frauen, die zurückgeblieben waren, holten sie die Kartoffeln ein. Helga Schumachers Mutter kam hier mit einem von ihnen in Kontakt. Dieser sei ein "netter Kerl" gewesen, der ein bisschen Deutsch konnte und auf die Mutter einen gebildeten Eindruck machte. "Die Leute hatten es nicht schlecht hier, sie wurden nicht geschlagen und bekamen genug zu essen", berichtet sie. Aber sie erinnerte sich deutlich: "Für uns als Kinder war das damals schon nicht in Ordnung. Wir wussten, das ist ein Verbrechen, was Hitler da macht."

Es muss am 16. oder 17. April gewesen sein, als die US-Soldaten in Neuenhaus eintrafen. "Von jetzt auf gleich standen die Amerikaner draußen. Sie müssen aus Richtung Kohlsberg durchs Gelände gekommen sein, nicht über die Straße", erzählt Helga Schumacher. Denn in der Hofschaft mit den engen Gassen trafen nur Soldaten zu Fuß ein, mit Gewehren, aber keine Panzer. "Wir hatten keine Angst vor den fremden Soldaten", sagt Helga Schumacher. Denn auch wenn die amerikanischen Soldaten alle Wohnungen durchsuchten und Fahrräder, Schreibmaschinen und Fotoapparate mitnahmen: "Die Freude, dass es zu Ende war, hat das alles überwogen", sagt sie. "Wir brauchten keine Angst mehr vor den Luftangriffen zu haben. Diese Angst, das war furchtbar." Anhänger des nationalsozialistischen Regimes hatte es auch in Neuenhaus gegeben. "Das waren die Leute, denen man nur ,guten Tag' sagen durfte." So sei etwa ein Landwirt Ortsgruppenleiter der NSDAP gewesen, wie sich Helga Schumacher erinnert. Mit diesem Nachbarn verbindet sie ein eindrückliches Erlebnis. "Beim Eintreffen der Amerikaner schauten wir aus dem Fenster und sahen einen dunkelhäutigen, kräftigen Soldaten. Und der besagte Bauer stand daneben und bekam als erster Zigaretten angeboten."

Nach Kriegsende habe dann jeder vor allem mit dem eigenen Überleben zu tun gehabt, berichtet Helga Schumacher aus dieser Zeit. Auch wenn die Versorgungslage sich im Krieg stetig verschlechtert hatte: "Die richtige Armut kam erst nach dem Krieg." Die Solidarität in der Hofschaft habe über das Schlimmste hinweggeholfen. "Es war nicht viel zu essen da, aber gehungert hat hier niemand.

Helga Schumacher studierte nach dem Krieg an der Musikhochschule in Köln. Sie arbeitete als Musiklehrerin für Blockflöte und Klavier und war stellvertretende Leiterin der Musikschule in Solingen. Sie lebt bis heute in Neuenhaus.

Quelle: RP
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