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Solingen
Arbeiten im Haus der halb unruhigen Frauen

Solingen: Arbeiten im Haus der halb unruhigen Frauen
Stellen ab morgen gemeinsam ihre Arbeiten in der Galerie SK in den Güterhallen aus: (v.l.) Sabine Smith, Sabine Hey, Ann-Sophie Detje, Judith Funke und Martina Hengsbach. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Fünf Künstlerinnen zeigen in der Galerie SK die Ergebnisse eines gemeinsamen Arbeitsaufenthalts im Kunstlabor.

Der Kunst-Ort, das ArToll Kunstlabor, ist ein besonderer Ort. Auf dem Gelände der Rheinischen Kliniken von Bedburg-Hau bietet der Verein ArToll e.V. im Gebäude einer ehemaligen psychiatrischen Krankenstation Künstlern ein Haus zur temporären Realisierung gestalterischer Prozesse.

Diese Gelegenheit ergriffen die fünf Künstlerinnen Sabine Smith, Martina Hengsbach, Sabine Hey, Judith Funke und Ann Sophie Detje im März dieses Jahres. Sie kennen sich aus ihrer gemeinsamen Studienzeit an der fadbk (Freien Akademie der bildenden Künste) in Essen und bilden seit einigen Jahren eine lose Gemeinschaft mit dem Ziel, einen künstlerischen Austausch untereinander, quasi eine kollegiale Supervision, zu betreiben. Das ehemalige Haus sechs der psychiatrischen Anstalt, früher das "Haus der halb unruhigen Frauen", wie die Künstlerinnen vor Ort recherchiert haben, war für eine Woche Arbeits- und Lebensraum.

Angeregt durch die gemeinsame Führung durch das auf dem Klinikgelände gelegene Museum zur Geschichte der seit 1912 bestehenden psychiatrischen Einrichtung, lag die künstlerische Auseinandersetzung mit dem besonderen Ort und seiner Historie als verbindendes Arbeitsthema nah. "Jede von uns hatte ein eigenes Atelier und viel Platz für Experimente. Jede von uns ging dabei auf andere Weise mit der Herausforderung des Ortes um", erklärt Judith Funke.

Die Ausstellung mit dem Titel "Lückensprung" zeigt in "bunter" Reihe die Ergebnisse der Arbeits- und Selbsterfahrungsprozesse in unterschiedlichen künstlerischen Medien. Das Video von Ann Sophie Detje aus Essen füllt mit durchdringendem Sound die gesamte Galerie. Markante klackernde Schritte auf hartem Boden hallen durch den Raum. Sofort assoziiert der Besucher hohe Räume, lange leere Flure. Jeder Schritt multipliziert sich in der Stille zum qualvollen Geräusch. Der Film zeigt als Loop den Blick von unten auf eine hohe Decke. Damit hat Detje die atmosphärische Wirkung der alten Anstaltsräume hautnah umschrieben.

Die Bochumerin Sabine Hey spürt der bedrückenden Stimmung auf dem mit hohen Mauern eingegrenzten und mit Überwachungskameras bestückten Klinikgelände nach. In Tuschezeichnungen bearbeitet sie ihr Thema "Tod im Fichtenwald - videoüberwacht." Krähen, Überwachungsmasten, Bäume sind Zeichen der Bedrohung. In einer Fotocollage werden für die Fällung nummerierte Baumstämme im Park der Klinik zum Synonym für die dunkle Geschichte der Anstalt im Dritten Reich, in der "Geisteskranke" ausgesondert, deportiert und ermordet wurden.

Sabine Smith setzt sich mit Dokumentationen des Museums zur Geschichte psychiatrischer Behandlungsformen auseinander. Fotos von vergitterten Kinderbetten, noch bis in die 70iger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Gebrauch, setzt sie druckgrafisch um und kombiniert sie mit düsteren Farbflächen.

Judith Funke hat sich von den Balkendiagrammen statistischer Untersuchungen und architektonischen Plänen der Klinik zu abstrakten Arbeiten auf Papier und Stoff anregen lassen. Gewisse Flächenkonstellationen erinnern den Betrachter an Fassaden, Grundrisse von Gebäuden oder Parkanlagen.

Die Porträtmalerin Martina Hengsbach aus Mülheim legt ihren Fokus unmittelbar auf den Menschen. Sie zeigt ein Kinderporträt auf zart rosa Untergrund in Kombination mit monochromen Bildtafeln in den hellen Pastellfarben der sechziger Jahre. Ihren eigenen positiven Bilderinnerungen antwortet ihre Fotoserie aus dem Klinikalltag vergangener Zeiten.

Die Arbeitsergebnisse insgesamt zeigen ein vielfältiges Spektrum von künstlerischen Reaktionen auf den ungewöhnlichen Arbeitsort, das Kunstlabor in der LVR-Klinik Bedburg-Hau. Die Ausstellung in der Galerie SK wird morgen um 15 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 22. Mai in den Güterhallen zu sehen.

(sgu)
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