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Solingen
Benjamin Britten hat sich gewaltig geirrt

Solingen. Mit "La Bohème" von Giacomo Puccini bot das Landestheater Detmold eine überzeugende Gesamtleistung im Theater. Von Jan Crummenerl

"Als ich La Bohème hörte, wurde mir ganz übel von der Billigkeit und Leere dieser Musik." Da hat Benjamin Britten kein gutes Haar an der Oper seines Kollegen Giacomo Puccini gelassen. Ganz anders sieht es mit Igor Strawinsky aus: "Puccinis Genie der Sentimentalität ist in La Boheme so vollkommen der dramatischen Substanz angepasst und so prächtig entfaltet, dass sogar ich, das Theater mit dem Lied meiner verlorenen Unschuld auf den Lippen verlasse." Heute gehört "La Bohème" zu den fünf meistgespielten Opern weltweit. Allerdings war der Start mehr als unglücklich. Die Uraufführung unter der Leitung des jungen Arturo Toscanini 1896 in Turin war nämlich alles andere als ein Triumph. Exklusives Publikum aus Kunst und Politik hatte sich eingefunden. Das waren vielleicht nicht gerade die richtigen Zuschauer, die sich das antibürgerliche Treiben einiger Habenichtse und Möchtegerngroßer auf der Bühne ansehen wollten.

Auch die Presse fand keine netten Worte über Puccinis neuestes Werk. So urteilte beispielsweise der Kritiker der Gazetta Piemontese vernichtend: "Niemand kann behaupten, dass La Bohème eine künstlerisch gelunge Oper sei. Die Musik ist oberflächlich, so wie diese Bohème keinen tiefen Eindruck beim Hörer hinterlässt, so wird sie auch keine bedeutende Spur in der Operngeschichte hinterlassen." Dass hier der Rezensent irrte, davon konnte man sich jetzt im Theater überzeugen. Stimmschön und in einer schlüssigen Inszenierung kam das Landestheater Detmold mit dem Werk nach Solingen in den Pina-Bausch-Saal.

Im Zentrum stehen vier mittellose Künstler, die gemeinsam in einer Mansarde hausen, bis die schwindsüchtige Mimi vor allem in das Leben des Poeten Rodolfo tritt. Unter Leitung von György Mészáros zauberte die Symphoniker Puccinis magischen Klangteppich aus dem Orchestergraben. Der Charme des Werkes, in dem Tragisches gleich neben Ausgelassenem steht, trafen die Musiker bestens.

Als Mimi konnte Megan Marie Hart glänzen. Ihre Stimme gab der Mimi innere Leuchtkraft - und keiner stirbt so schon am Ende einer Oper wie Mimi. In dem wendigen Tenor Ewandro Stenzowski hatte sie in Rodolfo den ideal ergänzenden Partner. Gerade die Duette wurden so zum Genuss. Insu Hwang als Musiker Schaunrd, Andreas Jören als Maler Marcello und Michael Zehe als Philosoph Coline komplettierten bestens die Bohème-Gesellschaft. Und die strahlende Stimme von Katharina Ajyba machte die Musetta, die Lebedame mit dem Herzen am rechten Fleck, zum munteren Gegenpart der kranken Mimi.

Nicht vergessen seien der Detmolder Chor und die Detmolder Schlosspatzen, die die Bühne nicht nur mit musikalischem Leben füllten. Die Inszenierung von Gabriele Wiesmüller sowie Kostüme und Bühne von Petra Mollérus gaben "La Bohème" besondere Akzente. Rasch wandlungsfähig erwies sich die sparsam gehaltene Kulisse - immer das Bett der kranken Mimi im Hintergrund, wie eine Mahnung, dass diese Geschichte nicht gut ausgeht. Braun und grau sind auch bei den Kostümen die vorherrschenden Farben. Fast meint man, ein Sepia-Bild aus längst vergangenen Zeiten wird lebendig. Umso mehr stechen dann farblich bunte Elemente hervor, etwa im Kostüm der Musetta. Nach diesem Opernabend steht eindeutig fest: Benjamin Britten hat sich gewaltig geirrt.

Quelle: RP
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