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Serie: Heimat genießen
Bergischer Wald: Von Pilzen und Pappeln

Serie: Heimat genießen: Bergischer Wald: Von Pilzen und Pappeln
Seit über 20 Jahren ein Beobachter des Waldes: Der Solinger Revierförster Markus Schlösser. FOTO: teph/mak
Solingen. Herbstliche Heimat: Gewaltige 25 Prozent der Solinger Stadtfläche sind Wald. Fremde Fichten, Sonnenanbeter und Schattengewächse machen die Natur spannend. Von Jan Crummenerl

"Wo die Wälder noch rauschen, die Nachtigall singt, die Berge hoch ragen, der Amboss erklingt". Tja . . ., da ist die Heimat. So zumindest haben sich das 1892 der Solinger Hobbydichter Rudolf Hartkopf und der Bonner Musikdirektor Caspar Joseph Brambach als Bergisches Heimatlied zusammenfantasiert.

Die Realität sieht anders aus. Der Amboss erklingt heute bestenfalls museal. Die Nachtigall ist nicht zu hören, denn laut Landesamt für Natur und Umwelt hat sie den Mittelgebirgen adé gesagt. Und die hochragenden Berge ? Ein Ausflug in den Harz oder Schwarzwald genügt, um die heimeligen Wupperberge ins gebirgstechnisch Marginale zusammenschrumpeln zu lassen.

Was bleibt ? Der Wald. Der rauscht sogar - wenn denn ein Wind über die Wipfel weht. Ja, den kennen wir. Entweder als sonntägliche Spaziergänger, wadengestählte Wanderer oder rasende Radler. Aber kennen wir ihn tatsächlich, den nun herbstlich leuchtenden Wald, der zum Beispiel in Solingen ein Viertel der Stadtfläche ausmacht - also rund 2400 Hektar ? Denn vor lauter Bäumen sieht man ihn gelegentlich nicht.

Bei Ersteren sei angefangen: "Ein Baum ist ein Gewächs, das einen Leibtrieb hat, das einen Stamm und eine Krone ausbildet", erklärt Markus Schlösser, Revierförster und Abteilungsleiter beim Solinger Stadtdienst Natur und Umwelt. Ein Wald wiederum ist ein mit Bäumen bewachsenes und bewirtschaftetes Gebiet ab rund 400 Quadratmetern. Ausgenommen davon sind etwa Parkanlagen oder Friedhöfe. Manchmal aber sieht man auch vor lauter Wald gar keine Bäume mehr. "Auch ein kahlgeschlagenes Gelände bleibt Wald und müsste innerhalb von zwei Jahren wieder aufgeforstet werden."

Aufgeforstet wird nicht mehr - weil es nicht mehr nötig ist. "Unser Ziel heute ist ein Waldbestand, der nach Art und Alter gemischt ist", erläutert der Förster: also verschiedene Baumsorten von unterschiedlichstem Alter. Ein solcher Wald bietet vielfältigen Lebensraum für verschiedenste Pflanzen, Insekten, Vögel und Tiere. Und ein Blick auf den Waldboden zeigt, dass der Baumnachwuchs ganz von alleine kommt, ohne Aufforsten.

Aber nicht jeder Baum passt in jede Lage. Birke und Pappel sind Sonnenanbeter, die Buche führt lieber ein Schattendasein. "Die Fichte mag es feucht, aber sie sollte nicht mit ihren Wurzeln im Wasser stehen." Also eignen sich für sie weder Bachtäler noch trockene Höhen. Ökologie wird groß geschrieben. "Der Wald sorgt für saubere Luft und sauberes Wasser und ist Erholungsgebiet", sagt der 48-Jährige. Dann erst kommt der ökonomische Faktor. Auch hier bewährt sich der gemischte Wald. Denn obwohl der Preis für einen Festmeter Holz bei etwa 50 Euro liegt, kostet alleine das Aufforsten einer abgeräumten Monokultur gleichen Alters rund 20.000 Euro pro Hektar. Als im Januar 2007 der Sturm "Kyrill" in den reinen Fichtenbeständen wütete, war der Schaden groß. Schlösser: "Hätte es damals durchweg Mischwald gegeben, hätte man sich Verluste in Höhe von einer halben Million Euro sparen können."

Wirtschaftlich genutzt wird der Wald schon immer - sozusagen seit den Zeiten, als es noch Knusperhexen gab. Schlösser: "Von den Bauern wurden die Tiere in den Wald getrieben, damit sie Eicheln, Bucheckern und Kräuter fressen konnten". Endete im Herbst die Arbeit auf den Feldern, ging es in den Wald zum Holzmachen. "Besonders wurde Holzkohle hergestellt."

Auch heute wird jede Menge Holz für verschiedenste Zwecke von verschiedensten Bäumen benötigt. Eiche macht sich gut als Möbel, aber zum Papier taugt sie nicht. Da ist die Fichte gefragt. "Sie ist aber kein einheimischer Baum. Die Preußen haben ihn mitgebracht." Denn die Fichte wächst schnell und lässt sich vielfältig verwenden. Deshalb wächst der Gast auch heute noch in den Wupperbergen.

Bauholz wird nämlich immer gebraucht. "Schließlich kann man einen Dachstuhl schlecht aus Plastik bauen." Heimisch ist hingegen die Buche. Sie gibt es, seit sich im Bergischen nach der letzten Eiszeit wieder Wälder gebildet haben. Aber ursprünglich ist der genutzte Wald nicht mehr. "Urwald gibt es in Deutschland keinen mehr." Um einen solchen erleben zu können, muss man schon in die rumänischen Karpaten reisen.

Ein Erlebnis ist der heimische Wald dennoch. Da sonnt sich der kleine Kirschbaum, daneben reckt sich die Fichte hoch in den Himmel, und zwischen Moos und Pilzen stecken kleine Kiefern die Köpfe aus dem Waldboden. Und man sieht zudem ? Geheimnisvolle Zeichen auf manchen Bäumen. Gelbe Streifen, rote Punkte. Gibt es vielleicht doch noch ein paar Waldschrate, die ihren Schabernack treiben ? Nein, es sind die Förster. "Bäume mit gelben Streifen sind sogenannte Z-Bäume", erklärt Markus Schlösser. Z steht für Zukunft. Das sind Bäume, die aus ökonomischen und ökologischen Gründen besonders gefördert werden sollen. Da muss gelegentlich auch mal ein Nachbarbaum weichen. Der bekommt einen roten Punkt und damit die Säge an den Stamm.

Aber nicht jeder Baum wird irgendwann gefällt. "Manche lassen wir natürlich zerfallen." Denn über ein stehendes, totes Holz freut sich der Specht. Oder am modernden Baumstamm am Boden tut sich der Hirschkäfer gütlich. Auch auf die genetische Güte der hölzernen Waldbewohner wird geachtet. "Weil es einfacher war, hat man früher nur die geraden Stämme gefällt, um Brennholz daraus machen zu können. Die Krummen und Schiefen blieben stehen." So konnte sich das Schrumpelvolk besser ausbreiten. Weniger großes Eingreifen als sanftes Regulieren ist heute Aufgabe des Försters. "Man muss der Natur Zeit lassen, um zu sehen, was sie möchte, und was sie nicht will." Das ist eine Sache von Jahrzehnten.

Seit mehr als zweien davon kann Förster Markus Schlösser den Solinger Wald beobachten und für ihn sorgen. Das hat bei ihm mehr mit Wald-Natur als mit Wald-Mystik zu tun: "Für mich ist es der schönste Beruf. Ich will gar keinen anderen."

Quelle: RP
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