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Interview
Darum muss die Stahlgießerei Grossmann in Solingen geschlossen werden

Interview: Darum muss die Stahlgießerei Grossmann in Solingen geschlossen werden
Grossmann an der Wittkuller Straße in Wald stellt hochwertige Gussteile her, insbesondere für die Mining-Industrie. Derzeit werden die letzten Gießaufträge erledigt, sagt Insolvenzverwalter Dr. Marc d' Avoine. Damit endet ein Kapitel Solinger Industriegeschichte. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Insolvenzverwalter Dr. Marc d' Avoine sieht keine Alternative: Grossmann, Deutschlands älteste Stahlgießerei, wird Ende Juni geschlossen. Die vermeintlichen "Investoren" seien nur Interessenten für einzelne Teile oder die Immobilie. Ein Gespräch. 

Warum kann die Gießerei, die sowohl als AG als auch als GmbH schon mehrmals schwierige Zeiten überstanden hat, nicht mehr gerettet werden?

D' Avoine Das Unternehmen hat keine ausreichenden Aufträge, um aus eigener Kraft kostendeckend fortgeführt zu werden. Daher steht die Schließung der Gießerei zu befürchten. Das ist bedauerlich, denn mein Berufsverständnis ist nicht das des Zerschlagers. Als ich im Januar meine Arbeit begann, habe ich ein absolut konstruktives, professionelles Klima vorgefunden - von der Belegschaft und Geschäftsleitung bis zu den Gläubigern und der Bank. Wir konnten alle Chancen ausloten, eine längerfristige Fortführung des Unternehmens zu erreichen, haben dabei auch hohen unternehmerischen Mut gezeigt. Es hat aber leider nicht funktioniert. Die Entscheidung zur Stilllegung im März war alternativlos.

Warum gab es keine Alternative?

D' Avoine Hauptabnehmer der Gussteile von Grossmann produzieren Baumaschinen und Fahrzeuge. Baggerhersteller wie etwa Caterpillar und Komatsu haben aber ihre Produktion wegen der Mining-Krise massiv gedrosselt. Das trifft Grossmann.

Hätte die Geschäftsleitung sich also breiter aufstellen müssen?

D' Avoine In der Spezialisierung liegt die unternehmerische Chance. Aus heutiger Sicht wäre es allerdings weniger risikoreich gewesen, wenn eine einseitige Spezialisierung unterblieben wäre. Dann hätte man aber auch viele Erfolge der Vergangenheit nicht gehabt.

Was ist aus den Plänen der Investoren geworden, von denen immer wieder gesprochen wurde?

D' Avoine Die vermeintlichen "Investoren" sind keine Investoren, sondern nur Interessenten für einzelne Teile oder die Immobilie. Es gibt lediglich Absichtserklärungen für einen Kauf von Maschinen und Anlagen, aber kein Angebot für die Fortführung des ganzen Unternehmens.

Warum lässt sich nicht die ganze Gießerei an den Mann bringen?

D' Avoine In der Branche habe ich Erfahrung. Ich weiß, wie schwierig es ist, eine Gießerei zu führen und am Ende zu verkaufen. Die Qualität der Produkte ist da, aber es geht heute sehr viel über den Preis. Der kurzfristige Erfolg ist wichtig geworden, weniger die Nachhaltigkeit.

Wie schnell geht jetzt bei Grossmann das Licht aus?

D' Avoine Die letzten Gießaufträge werden gerade erledigt. Dann haben wir noch einige Wochen der Nachbearbeitung. Das wird zwei Wochen bis maximal zwei Monate dauern. Alle 112 Mitarbeiter haben ihre Kündigung zum 30. Juni erhalten. Noch sind alle an Bord. Wir errechnen gerade, wie viele Mitarbeiter wir für die Restarbeiten brauchen. Dann wird es leider zu Freistellung kommen müssen.

Was kommt nach dem 30. Juni? Viele Walder erinnern sich noch an die Insolvenz des Maschinenbauers Klopp einen Straßenzug weiter: Das Inventar kam unter den Hammer.

D' Avoine Ob es zu einem Verkauf in der Gesamtheit kommt oder zu einer Versteigerung, das haben wir noch nicht entschieden. Das gut 40.000 Quadratmeter große Grundstück sowie Maschinen und Anlagen sind Eigentum der GmbH, aber nicht frei von Rechten Dritter. Die beteiligte Bank hat das Verfahren positiv begleitet und die Weiternutzung der Maschinen und Anlagen aber auch der Immobilie zugelassen.

Mit welcher Quote dürfen die Gläubiger rechnen?

D' Avoine Das lässt sich jetzt noch nicht sagen. Das darf ich auch nicht veröffentlichen. Hier geht es etwa um mehr als 100 Gläubiger - mit der Bank an der Spitze - und Forderungen im einstelligen Millionenbereich. Die Auflistung ist aber noch nicht abgeschlossen; der Berichtstermin findet am 15. Juni statt.

Welche Chancen haben die Mitarbeiter, die ja immer wieder Zugeständnisse gemacht haben, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten?

D' Avoine In Einzelfällen haben Mitarbeiter bereits neue Arbeitsplätze gefunden. Wir nutzen Kontakte zu anderen Unternehmen, auch mit Hilfe der örtlichen Arbeitgeberverbände, um freie Stellen zu sichten und einzelne Arbeitnehmer nach Möglichkeit zu vermitteln.

Welche Pläne hat die Stadt für den Standort von Deutschlands ältester Stahlgießerei?

D' Avoine Ich habe einen recht kurzen Draht zu Oberbürgermeister Tim Kurzbach und Wirtschaftsförderer Frank Balkenhol. Wir sind aber alle zusammen keine Zauberer. Wir haben an der Wittkuller Straße eine organisch gewachsene Bebauung mit unzähligen An- und Umbauten vom 19. Jahrhundert bis hin in die 1990er Jahre. Wir werden noch einmal ins Gespräch gehen, um die bestmögliche Lösung zu erreichen.

FRED LOTHAR MELCHIOR FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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