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Analyse
Das alte SPD-Lied von der bergischen Solidarität

Solingen. Die Partei in der Klingenstadt hat sich für den Solinger Ingo Schäfer als Bundestagskandidaten ausgesprochen. Konkurrent Simon Geiss aus Wuppertal wurde düpiert. Nicht ausgeschlossen, dass sich das schon bald rächt. Von Martin Oberpriller

Die deutsche Sozialdemokratie ist eine ebenso alte wie stolze Partei. Seit Generationen bereits halten die Genossen all jene Werte in Ehren, die nach allgemeinem, vor allem aber sozialdemokratischem Dafürhalten die DNA der SPD unverbrüchlich ausmachen.

Auch und gerade in Solingen, wo im 19. Jahrhundert eine der Wiegen der Sozialdemokratie stand und wo die sozialistische Arbeiterbewegung schon um 1900 Formen kollektiver Hilfe, etwa durch die Gründung gewerkschaftlicher Strukturen, kultivierte. Jedenfalls musste es nicht weiter verwundern, dass das große Wort von der Solidarität am Mittwochabend im Clemenssaal zu den am meisten strapazierten Vokabeln zählte.

Solidarität zum Beispiel mit sozial Benachteiligten und anderen - für praktisch sämtliche Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft hatten die Genossen während der Mitgliederversammlung der SPD in der Klingenstadt ein paar warme Worte parat. Das vom eigenen Bundespartei-Vorsitzenden Sigmar Gabriel geplante Freihandelsabkommen CETA mit Kanada wurde als unsozial abgelehnt. Und ja: Einer der Redner schmeichelte der sozialdemokratischen Seele sogar mit dem Versprechen, immer für die Schwachen zu kämpfen, ehe schließlich einer der Höhepunkte des Abends auf dem Partei-Programm stand.

Per Abstimmung sowie auf Antrag des Ortsvereins Süd/Burg wollten die SPD-Mitglieder ein klares Zeichen setzen, wer aus der Partei 2017 als Herausforderer gegen den Amtsinhaber Jürgen Hardt (CDU) in das Rennen um das bergische Bundestags-Direktmandat gehen soll. Und das kann aus Sicht der Sozialdemokraten in der Klingenstadt am Ende nur ein Solinger sein, was sich dadurch zeigte, dass mit Ingo Schäfer genau ein solcher schließlich die größte Zustimmung der Parteifreunde erhielt.

Ein für sich genommen vollkommen legitimes Vorgehen, das rein solidaritäts-technisch am Mittwoch jedoch zu einem Fiasko missriet. Denn der einzige Nicht-Solinger Bewerber um die SPD-Kandidatur im bergischen Städtedreieck, der Wuppertaler Simon Geiss, wurde an diesem Abend mit gerade einmal vier von 127 Stimmen wieder gen Heimat geschickt. Was nach durchgängiger Einschätzung - auch unter den Genossen - einer schallenden Ohrfeige gleichkam.

Die Reaktion ließ gestern nicht lange auf sich warten. Remscheids SPD-Chef Sven Wiertz war nicht eben erfreut über dieses Abstimmungsergebnis bei den Solinger Parteifreunden und wies mit schmalen Lippen darauf hin, dass die Genossen aus der Klingenstadt beim eigentlichen Nominierungskongress am 29. September in Remscheid keine Mehrheit hätten. "Der Wohnort sagt nichts über die Qualität eines Bewerbers aus", ließ Wiertz die Solinger SPD am Donnerstag wissen.

Nun gehört zur Wahrheit auch dazu, dass Sven Wiertz selbst einen maßgeblichen Anteil an dem schlechten Resultat von Simon Geiss gehabt haben dürfte. Denn viele Solinger SPD-Leute sind bis heute sauer auf Wiertz, weil der als unterlegener bergischer Direktkandidat von 2013 vor einiger Zeit die Möglichkeit ausschlug, über die Liste in den Bundestag nachzurücken.

Wiertz, in Remscheid gerade Kämmerer geworden, zog den sicheren Job dem ungewissen Dasein eines parlamentarischen Hinterbänklers auf Zeit in Berlin vor. Und sorgte so dafür, dass die bergische SPD in der Bundeshauptstadt nach wie vor nicht vertreten ist.

Deshalb dachten am Mittwoch gewiss viele Solinger noch einmal an ihre Parteifreundin Ionna Zacharaki, die vor der Wahl 2013 Sven Wiertz bei der SPD-internen Kandidatenkür unterlegen war - und die nach allgemeiner Meinung sehr wohl über die Liste nachgerückt wäre. Gut denkbar also, dass der bedauernswerte Wuppertaler Geiss, der eigenen Angaben zufolge unter anderem als Teilzeitangestellter bei einem Remscheider SPD-Landtagsabgeordneten in Lohn steht und auch sonst über gute Kontakte in die Werkzeugstadt verfügt, in Solingen nur stellvertretend für Wiertz abgewatscht wurde.

Gleichwohl stellt sich die Frage, ob sich die Solinger Sozialdemokraten mit ihrem Verhalten einen Gefallen getan haben. Denn was ist durch die Akklamation zugunsten von Ingo Schäfer gewonnen? Natürlich, in gewisser Weise haben sich jetzt die Reihen gelichtet, da die zwei anderen Solinger Bewerber, Manfred Ackermann und Helgo Ollmann, noch am Mittwochabend ihren Rückzug erklärten beziehungsweise ankündigten.

Doch sonst? Es bleibt abzuwarten, inwieweit die in keiner Weise bindende und somit überflüssige Abstimmung samt Geiss' Brüskierung Ingo Schäfer nutzen wird. Die Solinger SPD wird in den kommenden Tagen und Wochen auf jeden Fall viel zu tun haben, um die Genossen aus den Nachbarstädten davon zu überzeugen, dass sie bei der wirklich entscheidenden Abstimmung Ende September mit Ingo Schäfer solidarisch sein sollten.

Noch einmal: Solidarität ist ein sozialdemokratischer Wert, der die Partei, auch im Bergischen, groß machte. Doch wenn sie nach Innen fehlt, profitiert nur einer - der politische Gegner.

Quelle: RP
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