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Aktenzeichen XY sucht Frau aus Solingen
Das Geisterhaus von Steimelhagen

Aktenzeichen XY sucht Frau aus Solingen: Das Geisterhaus von Steimelhagen
Der Fall wurde jetzt für "Aktenzeichen XY" verfilmt. Am morgigen Mittwoch wird der Beitrag im ZDF gezeigt. FOTO: DKF
Solingen. Eine Frau verschwindet für immer. Seit 2011 fehlt von Anett Carolin Kaiser jedes Lebenszeichen. Das Haus, das die Solingerin kurz zuvor kaufte, steht bis heute leer. Eine Spurensuche. Jetzt berichtet Aktenzeichen XY über den Fall.  Von Martin Oberpriller

Auf den ersten Blick vermittelt das große, mit Schiefer verkleidete Haus einen normalen Eindruck. Doch Besucher merken schnell, dass etwas nicht stimmt. Im Zeitungshalter liegt noch eine alte Zeitung aus dem Herbst 2011, daneben ein aufgerissenes Schreiben vom November 2013, mit dem der örtliche Stromversorger von der Besitzerin 89,90 Euro fordert. Durch schmutzige Scheiben fällt der Blick in verlassene Räume, Dreck sammelt sich auf dem Fußboden. Und im zugewucherten Garten hinter dem Geisterhaus stehen vier riesige Überseecontainer.

Das Anwesen im Ortsteil Steimelhagen der oberbergischen Gemeinde Morsbach steht leer. Die Eigentümerin, die Solingerin Anett Carolin Kaiser, die das Haus vor fünf Jahren kaufte, ist nie eingezogen. "Eine gruselige Geschichte", sagt ein Nachbar an diesem schönen Mai-Nachmittag, der so gar nicht zu dem verlassenen Haus am Rand von Steimelhagen passt.

Das Dorf besteht aus schmucken Einfamilienhäusern und gepflegten alten Bauernhöfen. Es gibt weder einen Supermarkt noch Kneipen. Eigentlich der richtige Ort, um zur Ruhe zu kommen. Doch für Anett Carolin Kaiser gilt das nicht. Denn die Besitzerin des Geisterhauses wird wohl nie mehr nach Steimelhagen zurückkehren, weil sie seit Spätsommer 2011 wie vom Erdboden verschluckt ist.

Aufbruch in ein neues Leben

Rückblende: Das Wetter ist in den letzten Augusttagen 2011 endlich wieder besser. Die Wolken, die den Solingern bislang den Spätsommer verhagelten, sind weg. Die Sonne scheint - und für viele ist der Wetterumschwung ein gutes Omen für den Zöppkesmarkt, der in wenigen Tagen zum 43. Mal steigt.

Anett Carolin Kaiser steht in jenem August aber nicht der Sinn nach meteorologischen Gedankenspielen. Die zierliche Frau hat alle Hände voll zu tun. Schon bald wird sie zu einer Reise nach Spanien aufbrechen. Dort, in Jerez de la Frontera an der Südspitze der iberischen Halbinsel, besitzt die 51-Jährige ein Häuschen, aus dem sie Sachen abholen will.

Dinge, die außer für Anett Carolin Kaiser für niemanden einen Wert besitzen. Aber die Frau, die extreme Sammlerin und Stammkundin auf Trödelmärkten ist, braucht die Sachen, weil sie nach der Rückkehr aus Spanien auf eine im übertragenen Sinn noch weitere Reise gehen will. Die Solingerin plant ihrer Heimat für immer den Rücken zu kehren, will ihr altes Leben hinter sich lassen.

Dafür hat die 1,61 Meter kleine Frau kurz zuvor in Steimelhagen das Haus gekauft. Alles ist vorbereitet. Die Container stehen, Möbel und Kleidungsstücke, die Kaiser im Lauf der Jahre zusammentrug, sind verstaut. Nun fehlen nur noch die Dinge aus Spanien - und ein letzter Besuch beim Zöppkesmarkt. Den hat Anett Carolin Kaiser bei Bekannten für die Zeit nach der Spanien-Fahrt angekündigt. Fast scheint es so, als wollte sie vor ihrem Abschied noch ein paar Erinnerungsstücke aus der alten Heimat ergattern.

Reise ohne Wiederkehr

Doch dazu kommt es nicht mehr. Im Frühling 2016 sind knapp fünf Jahre vergangen, seit Anett Carolin Kaiser zu ihrer Fahrt nach Jerez de la Frontera aufbrach und von der man heute nur eines mit Gewissheit sagen kann: Es wurde eine Reise ohne Wiederkehr. Denn seit dem Tag der Abfahrt, der irgendwann zwischen dem 26. und 30. August 2011 liegen muss, fehlt von der Solingerin jede Spur.

Dabei scheint es so, als habe sich die Frau, die früher viele Solinger vom Sehen kannten, in Luft aufgelöst. "Wir haben keinerlei Anhaltspunkt, was geschehen sein könnte oder wo sie sich aufhalten könnte", sagt Stefan Weiand vom Polizeipräsidium Wuppertal. Keine Leiche, keine Spuren, kein Motiv, keine Hinweise - höchstens Vermutungen, die, kaum kommen sie auf, wie Seifenblasen zerplatzen.

Zwar steht wohl fest, dass Anett Carolin Kaiser im 2011 tatsächlich nach Spanien fuhr und dort auch ankam. Aber das war es auch schon. Wann, wo und weshalb die Solingerin schließlich von der Bildfläche verschwand, entzieht sich jeder Erkenntnis. Niemand hat sie gesehen, niemand kann etwas sagen.

Und das, obwohl die Frau mit einem auffälligen Auto unterwegs war. Die Reise nach Jerez de la Frontera trat sie in einem alten Ford Transit an, den ihr Freunde vor der Fahrt besorgt hatten. Gleichwohl fehlt von dem ausgedienten Transporter des Technischen Hilfswerks mit seiner blauen Farbe sowie dem Kennzeichen SG-AD 895 bis heute genauso jede Spur wie von seiner Besitzerin.

Die zuständigen Beamten tappen also nach wie vor im Dunkeln. Selbstverständlich setzte die Polizei, als Anett Carolin Kaiser schließlich im November 2011 von einem Bekannten als vermisst gemeldet wurde, Hebel in Bewegung. So suchten zum Beispiel Leichenspürhunde das Geisterhaus von Steimelhagen sowie die Container im Garten ab. Doch alles ohne Erfolg - die Solingerin blieb verschwunden.

TV-Sendung als letzte Chance?

Genau genommen kann die Polizei nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob Anett Carolin Kaiser 2011 wirklich Opfer eines Verbrechens geworden ist."Wir wissen es nicht", gibt Stefan Weiand zu.

Auch darum und weil ein genauso möglicher Mord nicht verjährt, greifen die Polizisten jetzt zu einem Mittel, das in Ermittlerkreisen oft als kriminalistische Ultima Ratio gilt: Am Mittwoch, 11. Mai, wird der mysteriöse Vermisstenfall der Anett Carolin Kaiser um 20.15 Uhr in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" aufgegriffen. Ein Schritt, der gegangen wird, weil man entweder schon einen Verdächtigen hat und diesen durch die TV-Ausstrahlung unter Druck setzen will - oder weil man nicht mehr weiter weiß.

Auf jeden Fall bietet sich so möglicherweise die letzte Chance, das Geheimnis um die Solingerin doch noch zu lüften. "Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Mal sehen, ob es eine Wende gibt", sagt Polizist Weiand, der selbst weiß, dass vielleicht nur ein Zufall dabei helfen kann, das Schicksal der Vermissten aufzuklären.

Eine Frau voller Rätsel

Wobei nicht allein das Verschwinden der Anett Carolin Kaiser einem Mysterium gleicht. Gleiches gilt auch für ihr Leben. Denn obwohl die Frau mit den zotteligen Haaren in Solingen keine Unbekannte war, wussten wohl nur wenige etwas über sie - wenn überhaupt.

Klar ist allein: Die Verschwundene wirkte auf ihre Umgebung stets sonderbar. In Solingen geboren und aufgewachsen, entwickelte sie später den Sammeltick, der sie auf den Trödelmärkten der Region zu so etwas wie einer bekannten Größe machte. Mit einem alten Fahrrad sowie einem Rucksack fuhr sie oft durch ihre Heimatstadt und pickte sich zum Beispiel aus dem Sperrmüll all jene Sachen heraus, die anderen nicht mehr wichtig waren, für Anett Carolin Kaiser aber sehr wohl einen Wert besaßen.

Welchen Wert genau - darüber vermögen die Polizisten aber nur zu spekulieren. Einzig so viel scheint gewiss: Materiellen Nutzen kann die Solingerin aus all den Dingen, die sie sammelte, nicht gezogen haben. Denn zum einen handelte es sich bei den Trödelsachen fast ausschließlich um Plunder. Und zum anderen hatte es Anett Carolin Kaiser auch nicht nötig, sich mit dem Müll anderer oder mit Secondhand-Klamotten einzudecken. Immerhin hatte die Frau nach dem Tod ihrer Eltern geerbt. Kein riesiges Vermögen, aber doch genug, um ein bescheidenes Leben zu führen.

Die Suche nach dem Motiv

Ein Umstand, der zum nächsten Rätsel führt. Denn das Sammeln war nicht die einzige Marotte der Solingerin. Offenbar zahlte sie immer in bar. "Das haben Bekannte berichtet", sagt Polizist Weiand. Wobei niemand weiß, weshalb die Vermisste das Faible für Bargeld hatte. Nur eines steht fest. Die Summen die Anett Carolin Kaiser - vor allem nach der Erbschaft - mit sich führte, waren bisweilen exorbitant hoch.

So überwies die 51-Jährige (wenige Monate vor dem Verschwinden) beispielsweise 125.000 Euro für das Haus in Steimelhagen keineswegs auf das Konto der Vorbesitzer, sondern drückte den verdutzten Verkäufern die Summe in Scheinen in die Hand. Und auch für ihre Spanien-Reise hatte sich die Solingerin mit Bargeld eingedeckt. Nach Erkenntnissen der Fahnder führte sie rund 3000 Euro bei sich.

Liegt darin ein Motiv für das Verschwinden der Frau? Die Kripo ist sich nicht sicher. Es könnte, muss aber nicht so sein, heißt es bei der Polizei, die Wert darauf legt, dass Anett Carolin Kaiser auch freiwillig abgetaucht sein könnte. "Es steht Erwachsenen frei, sich zu einem solchen Schritt zu entschließen", betont Hauptkommissar Weiand. Und überdies, so die Polizei, bestehe weiter die Möglichkeit, dass die Solingerin irgendwo an einer schwer einsehbaren Stelle verunglückt und bis heute nicht gefunden worden sei.

Freunde warten bis heute

Allein die Bekannten von Anett Carolin Kaiser scheinen das nicht zu glauben. Dass sie, ohne Lebewohl zu sagen, für immer verschwunden sein soll - das passt einfach nicht zu ihr. Höchstens ein Abtauchen für kurze Zeit.

Deshalb erstattete einer der Freunde schließlich am 18. November 2011 Vermisstenanzeige - gut zwei Monate, nachdem die Solingerin nicht wie versprochen beim Zöppkesmarkt erschienen war. Möglicherweise war da bereits wertvolle Zeit verstrichen. Aber wie bei so vielem in diesem Fall kann auch dies niemand mit Gewissheit sagen. Sicher ist einzig, dass Anett Carolin Kaiser bis heute verschwunden ist. Und dass das Geisterhaus von Steimelhagen wohl noch lange leer stehen wird.

Aktenzeichen XY Unter dem Titel "Rätselhaftes Verschwinden" beschäftigt sich das ZDF in seiner morgigen Sendung ab 20.15 Uhr mit dem Fall.

Quelle: RP
 
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