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Tim Kurzbach
Das Parteibuch wird nach hinten gestellt

Tim Kurzbach: Das Parteibuch wird nach hinten gestellt
Extrem lang war der Wahlkampf für Tim Kurzbach, den er bereits vor zwei Jahren mit seiner Nominierung zum OB-Kandidaten der SPD eröffnet hatte. Die terminfreien Wochen seit der Entscheidung hat der künftige Stadtchef für zahlreiche Einzelgespräche genutzt. FOTO: Stephan Köhlen
Solingen. Am Mittwoch übernimmt Tim Kurzbach als Oberbürgermeister die Amtsgeschäfte von Norbert Feith. Vor seinem ersten Arbeitstag spricht der 37-Jährige über den Wahlkampf, sein ehrenamtliches Engagement und die bergische Kooperation.

Wie haben Sie am 27. September die Phase nach Schließung der Wahllokale bis zur Entscheidung erlebt ?

Kurzbach An dem Tag selber war ich sehr aufgeregt. Morgens hatte ich am Niederrhein noch die Auszeichnung "Das Licht von Xanten" erhalten. Das Symbol ist eine riesige Kerze. Diese habe ich kurz vor 18 Uhr in meine Kirche gebracht und dort aufgestellt. Ich habe den Glockenschlag gehört, mich in Ruhe hingesetzt. Da wurde ich immer ruhiger. Später habe ich vor dem SPD-Parteihaus noch einen kleinen Spaziergang gemacht. Als ich sah, dass immer mehr Leute rausgeströmt kamen, um mich zu suchen, dachte ich mir: Das Schicksal wird zugeschlagen haben. Als ich in den Raum zurückkehrte, die Begeisterung und die Freude erlebte, war ich sprachlos.

Tim Kurzbach mit Falk Dornseifer (l.) und dem noch amtierenden OB Norbert Feith auf dem Zöppkesmarkt. Gerne würde sich der 37-Jährige hier auch weiter ehrenamtlich engagieren. FOTO: Radtke

Das kann auch Ihnen passieren ?

Kurzbach Man soll es nicht glauben (lacht). Du bekommst einen Blumenstrauß, und dann musst du etwas sagen. Aber ich wusste in diesem Moment nicht was. Ich habe nur gedacht: Was haben diese Menschen alle für Dich in den vergangenen Wochen gerödelt. Das war ein demütiges Gefühl.

Solingen: Bilder vom Wahlabend am 13. September FOTO: K�hlen, Stephan

Anschließend bei der Wahlparty im Konzertsaal schienen Sie sich aber wieder gefangen zu haben.

Kurzbach Die vielen Glückwünsche und die Stimmung waren toll. Ich habe im Konzertsaal schließlich oft genug gestanden und hatte keinen Grund zur Freude (lacht). Am meisten an diesem Abend hat mich allerdings die Fete auf dem Neumarkt beeindruckt. Einfach mal raus aus dieser doch sehr etablierten Atmosphäre des Konzertsaals.

Nach Ernst Lauterjung (r.) verlässt nun auch der bisherige Vorsitzende der SPD-Fraktion das Plenum. Künftig sitzen sie im Rat wieder in einer Reihe - als Bürgermeister und Oberbürgermeister. FOTO: Kempner

Man hat den Eindruck gewinnen können, dass Sie vor der Stichwahl deutlich mehr Unterstützung von Ihrer Partei sowie den Grünen erhalten haben als Ihr größter Konkurrent Frank Feller von der CDU.

Kurzbach Das kann ich nicht beurteilen. Allerdings hatte ich schon starke rot-grüne Unterstützung. Was mich besonders fasziniert hat, war in diesen beiden Wochen die Unterstützung von rund 60 Menschen, die nicht zu einer Partei gehört haben. Das war ein Schub für die letzten 14 Tage, weil mir das gezeigt hat, dass meine Kandidatur sehr breit getragen wurde.

Sind Sie fest davon ausgegangen, dass der Wahlkampf in die Verlängerung gehen würde ?

Kurzbach Bei fünf Kandidaten war eine Stichwahl rein statistisch sehr realistisch. Zudem muss man sehen, dass es Solingen 16 Jahre lang CDU-Oberbürgermeister gegeben hat. Ich bin auch angetreten mit der klaren Ansage, einiges anderes machen zu wollen - im Rathaus, in der Stadtgesellschaft sowie in vielen anderen Bereich. Da war mir relativ klar, dass man das nicht gleich im ersten Schritt schaffen kann. (lächelt) Aber so ist es halt. Ich habe immer den schwereren Weg genommen.

Wann sind Sie sich bewusst geworden, dass Sie tatsächlich das Ziel erreicht haben, das Sie seit zwei Jahren anvisiert haben ?

Kurzbach Das passierte für mich alleine, in stillen Momenten. Ich habe fälschlicherweise gedacht, ich könnte mich nach diesem Wahlkampf ein paar Tage erholen und ausschlafen. Das war ein kapitaler Fehler. Um vor Amtsantritt noch einmal die innerliche Ruhe zu finden, habe ich mir jetzt am Wochenende trotz tausender Termine eine Auszeit gegönnt.

Was haben Sie in der Zeit seit der Stichwahl denn alles erledigt ?

Kurzbach In diesen 14 Tagen habe ich vorbereitend bis zu 130 Einzelgespräche geführt. Mit Leuten aus der Politik, aus dem Rathaus, aus der Gesellschaft. Natürlich wird eine Rede zur Amtseinführung erwartet, natürlich gibt es eine Mitarbeiter-Versammlung. Mir aber war klar: Diese 14 Tage ohne offizielle Terminbeanspruchung muss ich für ganz viele Einzelgespräche nutzen.

Haben Sie für sich das Gefühl, als designierter Oberbürgermeister etwas völlig Neues anzugehen ?

Kurzbach Ich kann nicht so tun, dass ich bei dieser Aufgabe Neuland betrete. Die Vorgänge, die auf dem Tisch liegen, kenne ich ja zu 90 Prozent. Ich habe in Aufsichtsräten gesessen oder in Gesellschafterversammlungen. So kann ich viele Dinge direkt aufnehmen und nach meinen Vorstellungen weitergeben.

Sie haben sich bislang neben dem Job als Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt in Solingen in vielerlei Bereichen engagiert. Was wird aus alledem ?

Kurzbach Warum kann ein Oberbürgermeister nicht ein ganz normaler Kerl bleiben ? Warum kann er nicht ehrenamtlich tätig bleiben ? Es ist mir ein großes Anliegen, es zu bleiben.

Der Vorsitz des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln dürfte sich am ehesten mit Ihrem neuen Job vereinen lassen . . .

Kurzbach In der entscheidenden Phase der Veränderungschance der katholischen Kirche weltweit, aber auch im Erzbistum Köln will und kann ich nicht von Bord gehen. Das muss gemeinsam gelingen in einem wunderbaren Team um Cornel Hüsch. Genauso werde ich im Teamwork auch weiterhin beim Zöppkesmarkt aktiv bleiben.

Das allerdings könnte Probleme bebedeuten, da die Ausrichtung der Veranstaltung bekanntlich ausgeschrieben und vergeben wird.

Kurzbach (nickt) Da gibt es zwei Hürden. Die eine ist das Vergaberecht, die andere wäre eine ordnungsrechtliche. Mit klarem Menschenverstand ließe sich die Sache durchaus trennen. Aber weg vom Formalen: Ich könnte ja auch aus der rechtlichen Funktion aussteigen und mich stattdessen an anderer Stelle einbringen. Genauso werde ich Lektor in meiner Gemeinde bleiben. Ich habe mich mit der Wahl ja nicht verändert, nur der Blick vieler Leute auf mich ist ein neuer. Ich bin Tim Kurzbach, und der bleibe ich auch. Die Menschen müssen mir dafür auch die Chance geben und mich nicht nur auf das Podest des Oberbürgermeisters heben.

Wie schwer fällt es Ihnen, sich von der Partei und dem Fraktionsvorsitz zu lösen ?

Kurzbach Das ist gar nicht so schwer. Ich bin künftig der Oberbürgermeister von allen Solingerinnen und Solingern. Direkt nach der Wahl habe ich in den Parteigremien deutlich gemacht, dass mein Parteibuch jetzt ein ganzes Stück nach hinten gestellt wird. Ich werde es nicht abgeben und bewusst Sozialdemokrat bleiben, aber ich werde jede Initiative aufgreifen, die gut für die Stadt ist. Jeder wird bei mir eine offene Tür finden.

Was erwarten Sie von der veränderten Situation im Bergischen Land ?

Kurzbach Die Zusammenarbeit mit Burkhard Mast-Weisz in Remscheid und Andreas Mucke in Wuppertal läuft total pragmatisch. Wenn eine schnelle Abstimmung benötigt wird, wird nur kurz eine SMS hin und hergeschickt. Man kennt sich, man kann sich gegenseitig einschätzen. Das macht die Vorgehensweise sehr viel einfacher. Nichtsdestotrotz: So wichtig und wertvoll die bergische Zusammenarbeit fortgeführt und ausgebaut werden muss, die drei Kommunen bleiben mit ihren ähnlichen Problemlagen, Herausforderungen und auch Lösungsansätzen zwangsläufig in Konkurrenz. Das wird damit immer auch eine Wettbewerbssituation bedeuten.

GUIDO RADTKE UND MARTIN OBERPRILLER FÜHRTEN DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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