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Solingen
Das Stadion im Abseits

Solingen: Das Stadion im Abseits
Osterei statt Fußball: 2000 Fans fanden auf der Haupttribüne am Hermann-Löns-Weg Platz. Insgesamt passten 16 000 Zuschauer ins "HLW". Vor ein paar Jahren wurde das Fassungsvermögen aus Sicherheitsgründen auf 5000 gesenkt. Unter der Tribüne bewahrt der OFC Solingen als ein Union-Nachfolger noch immer seine Trikots auf. FOTO: Kempner, Martin
Solingen. 2014 soll das Stadion am Hermann-Löns-Weg abgerissen werden. Früher spielten hier die Berufsfußballer von Union Solingen. Das letzte Profi-Spiel ist aber fast ein Vierteljahrhundert her. Eine Zeitreise durch die alte Arena. Von Martin Oberpriller (Text) und Martin Kempner (Fotos)

Die Salafisten haben an die Eingangstür zu den Umkleidekabinen einen ihrer Propaganda-Flyer geklebt. Aber wen sie damit "bekehren" wollen, bleibt wohl auf ewig das Geheimnis der Radikalen. Denn das alte Union-Stadion am Hermann-Löns-Weg wird bald abgerissen.

Und Christel Brandt gehört zu den wenigen Besuchern, die noch regelmäßig vorbeischauen. Drei Mal pro Woche kommt die Reinigungskraft in die Arena. Ordnung muss sein. Die Stadt als Eigentümerin lässt den Kabinentrakt des Stadions in einem festen Rhythmus sauber machen.

Ansonsten ist es aber ruhig geworden rund um das Stadion, in das zu besten Zweitliga-Zeiten 16 000 Fans strömten. Einige Rentner, die die guten Tage von Union im bezahlten Fußball einst live miterlebt haben, besuchen das "HLW", wie die Fans die Spielstätte nennen, noch regelmäßig. Doch dies ist nur alte Gewohnheit. Fußballspiele werden hier nicht mehr angepfiffen. Die letzte Partie ging vor zwei Jahren über die Bühne, das letzte Profiduell liegt sogar schon fast ein Vierteljahrhundert zurück: Am 18. Juni 1989 verlor Union vor 3000 Zuschauern gegen Saarbrücken 0:4 und stieg aus der Zweiten Liga ab.

An diesem Sommersonntag ging eine Zeit für immer zu Ende, an die im Zeugraum unter der Haupttribüne noch alte Fotos mit Spielszenen erinnern. Berufsfußballer wie Werner Lenz, Helmut Pabst, Dirk Hupe und Demir Hotic liefen früher im Stadion am Hermann-Löns-Weg auf.

Doch inzwischen ist der Verfall nicht mehr zu übersehen. Seit die Stadt beschlossen hat, das "HLW" abreißen zu lassen, um durch den Verkauf des Grundstücks Geld in die chronisch leere Kasse zu bekommen, wird an der Spielstätte mit den vier markanten Flutlichtmasten nicht mehr viel gemacht. Auf den Stehrängen unterhalb der Haupttribüne wachsen Unkraut und kleine Bäume. Zäune, die früher die Fanblöcke abgrenzten, stehen schief.

"Im Jahr 2014 könnte der Abriss erfolgen", heißt es aus dem Rathaus. Schicke Wohnungen und Häuser sollen an der Stelle des Stadions entstehen, das geradezu idealtypisch ist für eine Zweitliga-Arena der 70er und 80er Jahre – an einer Seite eine Sitzplatztribüne, unter der der OFC Solingen als ein Nachfolger der Union bis heute seine Trikots lagert, und ringsherum flache, nicht überdachte Stehwälle mit einigen Stufen.

Erinnerung an die Zweite Liga

Das alles wird also bald nur noch Geschichte sein. Einen, der die Zweitliga-Ära von Union Solingen vom ersten bis zum letzten Tag miterlebte, stimmt die Aussicht auf die demnächst fußballlose Zeit im Ohligser Unterland eher traurig. "Es ist schade, dass es so kommen musste", sagt Dietmar Hammesfahr. Der 54-Jährige kümmert sich bei der Stadt um die Sportstätten. Als Union 1975 in die Zweite Liga Nord aufstieg, war Hammesfahr ein ganz junger Mann. Schon damals war der Solinger bei der Stadt und arbeitete in der Kolonne, die das Stadion vor Spieltagen herrichtete.

Jetzt geht Hammesfahr noch einmal durch die Arena. Im Presse- und VIP-Raum unter der Tribüne standen früher die Trainer im Nachklang zu den Spielen den Reportern Rede und Antwort, nachdem sie knapp zwei Stunden zuvor im Kabinentrakt am Eingang des "HLW" den Spielern letzte taktische Anweisungen gegeben hatten.

Psychologie spielte damals wie heute eine Rolle im Fußball. So mussten sich die Gästespieler mit erheblich kleineren Umkleideräumen begnügen als die Union-Profis. Doch auch die hatten es nach heutigen Maßstäben eher spartanisch. Schmale Holzbänke um einen lang gezogenen Tisch, Duschen mit schmucklosen Armaturen – der einzige Luxus war eine Ermüdungs-Badewanne am Ende der Kabine.

Die weiße Wanne steht noch immer an ihrem Platz. Und Reinigungskraft Christel Brandt sorgt dafür, dass sich nicht zu viel Schmutz ansetzt. Das wird aber auch bald vorbei sein. "In zwei Monaten gehe ich in Rente", sagt Brandt. Am Hermann-Löns-Weg, im Stadion im Abseits, wäre sie ohnehin nicht mehr lange gebraucht worden.

(RP/rl/jco)
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