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Solingen
Der lange Äu ist weg

Witzhelden: Emotionaler Abschied vom Fernsehturm "Äu"
Solingen. Gefühlt ganz Witzhelden war auf den Beinen, um gemeinsam den historischen Sturz ihres Wahrzeichens mitzuerleben. Viele nahmen sich dafür sogar extra frei. Die Solinger werden den Mast beim Panaromablick über die Wupperberge vermissen. Von Cristina Segovia-Buendía (Text) und Ralph Matzerath (Fotos)

Am Bechhauser Weg waren bereits am frühen Morgen die ersten Schaulustigen vorbeigekommen und beobachteten die Spezialfirma dabei, wie der Abbruch des Turms - ihres langen Äus - vorbereitet wurde. Sitzgelegenheiten, Verpflegung: Die Witzheldener hatten sich wie bei einem Campingausflug ausgestattet und warteten bei strahlend blauen Himmel und Sonnenschein gemeinsam auf das Ende einer Ära.

"Wir haben uns heute extra alle freigenommen, um dabei zu sein", erzählte Timo Schulz (26), der mit sechs weiteren Freunden, einem Kasten Bier, Campingstühlen und einer kleinen Musikanlage bereits kurz nach 10 Uhr ihr Lager am Weg aufgeschlagen hatten. Die Witzheldener Freunde hatte sich bereits am Vorabend am Turm getroffen, um Abschied zu nehmen. "Das war ein schöner Abend. Wir waren bestimmt rund 300 Leute, haben zusammen gesessen und erzählt", berichtete Fabian Stupp (25). Am Turm hatte sich seine Clique immer gerne an lauen Sommerabenden getroffen. "Der Platz ist einfach sehr schön dafür, doch ohne Turm wird es nicht mehr dasselbe sein", urteilte Schulz.

Viele Schaulustige verbrachten mehrere Stunden um Leichlingen-Witzheldens Wahrzeichen, schossen Erinnerungsfotos. Ein historischer Moment im Höhendorf, den sich kaum einer entgehen ließ. Viele nahmen gar Urlaub. FOTO: Ralph Matzerath

Marika Heider (53) war mit Schwester Petra Schulz (54) gekommen, die extra einen Arzttermin verschoben hatte, um dem Ereignis beizuwohnen. Die Schwestern konnten am Vormittag noch gar nicht fassen, dass der Turm, der sie beinah ein ganzes Leben lang begleitet hatte, bald Geschichte sein würde: "Es war schrecklich, als die Spitze vor einigen Jahren abgemacht wurde, und jetzt soll er komplett weg", sagte Heider. Bereits ihre Mutter hatte in Turmnähe gearbeitet. Ihre Jugend hatte sie dort verbracht, erste Dates, zahlreiche Treffen mit Freunden und Abendspaziergänge unternommen. "Egal wo man sich in der Umgebung befand, wenn man den Äu sah, wusste man direkt, wo zuhause war."

Die Höhendorf-Bewohner bewiesen Durchhaltevermögen und harrten mehrere Stunden aus. Die Stimmung war dabei von jeder Menge Wehmut durchzogen, aber auch dem wunderbaren Gefühl, dieses historische Ereignis nicht alleine, sondern gemeinsam, Seite an Seite zu erleben. Denn gefühlt das gesamte Dorf stand von verschiedenen Punkten aus in Kontakt miteinander. Um kurz nach halb zwei war es so weit: Ein lautes Signal ertönte, ein dumpfer Knall folgte. Die Pardunen lösten sich. Als der Turm blechern in sich zusammensackte, langsam und schwerfällig wie ein alter Riese, kullerten bei Nina Schneider die Tränen: "Kaum zu glauben, dass er jetzt weg ist", sagte die 32-Jährige nach einem kurzen Augenblick, die Augen nun in die Leere starrend, wo vor wenigen Sekunden noch der lange Äu gestanden hatte. Der Turm gehörte nicht nur als Wahrzeichen zu ihrer Heimat. Mit dem rot-weißen Funkmast verband die Witzheldenerin auch wunderschöne Erinnerungen: "Hier habe ich 2015 einen Heiratsantrag bekommen, und eigentlich wollten wir am Turm heiraten, doch jetzt ist es zu spät", sagte sie mit einem Lächeln, während sie sich die Tränen von den Wangen wischte. "Eigentlich total bekloppt", bemerkte sie und musste lachen: "Es ist ja nur ein Turm. Aber er gehörte zu uns."

FOTO: Matzerath Ralph

Andere hatten sich lautstark geäußert, als der lange Äu in knapp zehn Sekunden nach der Detonation nahezu spurlos von der Witzheldener Skyline verschwunden war: "Sieht kacke aus. Wollen wir nicht. Wieder aufbauen", riefen einige Bewohner.

Dass ihr Wahrzeichen nun nicht mehr da ist, daran müssen sich die Witzheldener noch gewöhnen: "Das wird sicherlich eine Zeit lang dauern", äußerte Petra Schulz. Die 54-Jährige freut sich aber, wenn der Verkehrs- und Verschönerungsverein des Höhendorfes tatsächlich ein Stück vom Turm als Erinnerung bekommt und es an einem öffentlich zugänglichen Ort Platz findet. "Wenn dafür Spenden nötig würden, wäre ich sicherlich nicht die Einzige, die sich gerne daran beteiligen würde."

FOTO: Matzerath Ralph
Quelle: RP
 
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