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Serie Zeitreise
Die eiserne Energiequelle

Das Gasometer im Wandel der Zeit
Das Gasometer im Wandel der Zeit FOTO: Stadtarchiv
Solingen. Die Tage des beeindruckenden Baus an der Tunnelstraße schienen gezählt. Mehr als 50 Jahre hatte der Gasometer im Osten von Ohligs inzwischen schon auf dem sprichwörtlichen Buckel.

Doch im Jahr 2009 wusste niemand mehr etwas anzufangen mit der riesigen Stahlkugel, die Jahrzehnte lang eine Art eiserne Energie-Versicherung der Solinger gewesen war.

Früher hatte der große Behälter mit einem Fassungsvermögen von bis zu 64.000 Kubikmetern für Industrie sowie Haushalte Gas bereit gehalten. Aber das kam nun einer Technik von gestern gleich. In Zeiten von "Just in Time" war - wie bei anderen Gütern auch - eine Zwischenlagerung von Gas nicht mehr nötig. Und das Schicksal der Kugel beschlossene Sache. Der Gasometer der Stadtwerke sollte demontiert werden - als von unerwarteter Seite die Rettung nahte.

Die Walter-Horn-Gesellschaft bestimmte die Kugel zum Standort des Galileums, das ab 2018 eine der modernsten Sternwarten und Planetarien Europas beherbergen wird. Was in gewisser Weise durchaus die Geschichte des Gasometers und der Gasversorgung in der Klingenstadt widerspiegelt.

Denn Ende des 19. Jahrhunderts war die Nachfrage nach Gas auch im Großraum Solingen derart angestiegen, dass 1891/92 an der Stelle, wo heute der Gasometer steht, das erste moderne Gaswerk in Ohligs erbaut wurde. Mittels Destillation von Kohle stellten die Arbeiter Gas her, um es dann in eigens bereitgehaltenen Behältern zu lagern. 1907 gab es auf dem Werksgelände drei solche Behälter, die nach dem Ersten Weltkrieg, anno 1925, erstmals mit Ferngas gefüllt wurden.

Womit das Ende der lokalen Eigengasproduktion in Solingen eingeläutet war. Diese wurde 1930 tatsächlich eingestellt. Das alte Gaswerk war fortan Geschichte und wurde abgerissen, da sich die Stadtwerke verpflichtet hatten, 60 Prozent des Bedarfs von der Ruhrgas AG zu übernehmen.

Gleichwohl musste das gelieferte Gas weiter gelagert werden, weshalb Mitte der 30er Jahre im gesamten Stadtgebiet neun Gasometer mit einem gemeinsamen Volumen von 54.000 Kubikmetern standen. Ein Fassungsvermögen, das nach dem Zweiten Weltkrieg indes nicht mehr reichte. In den 50er Jahren startete Gas als Energielieferant nämlich vor allen in Privathaushalten noch einmal richtig durch - so dass sich die Stadtwerke entschlossen, den heutigen Kugelgasbehälter zu bauen.

Was folgte, waren weitere technische Neuerungen wie 1973 die Umstellung von Kokerei auf Erdgas - und parallel dazu eine Veränderung der technischen Infrastruktur. Nach und nach verschwanden in ganz Solingen die alten Teleskop-Gaskessel, die viele Jahre das Weichbild der Stadt mitgeprägt hatten.

Und auch für den Ohligser Gasometer schien das Ende nahe, als schließlich die Idee des Galileums geboren wurde. Wenn die Sternwarte und das Planetarium 2018 öffnen, werden sie mit zu den Highlights im Stadtteil Ohligs-Ost gehören, der sich mit Firmen aus der IT-Branche mittlerweile zu so etwas wie einem Solinger Silicon Valley mausert. Und der alte Gasometer bleibt im übertragenen Sinne das, was er von Beginn an gewesen war: eine eiserne Energiequelle für den Fortschritt in der Stadt.

MARTIN OBERPRILLER

Quelle: RP
 
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