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Solingen
Die Gesellschaft gnadenlos durchleuchtet

Solingen. Christoph Sieber präsentierte in der Reihe Kleinkunst sein Programm "Hoffnungslos optimistisch". Von Jan Crummenerl

Die Aussichten sind nicht nur nicht rosig. Es ist viel schlimmer: Die Zukunft ist schon da. Und das einzige, das hilft, ein Volk in den Griff zu bekommen, ist Gewalt und Verdummung. Zu letzterem gehört das "Märchen von der Bildungsrepublik Deutschland". Nur Bildung könne das Land retten. "Das ist wie immer eine einfache Lösung, die einem da vorgesetzt wird", sagt Christoph Sieber. "Aber warum tötet dann die Schule so viel ab?"

Einer Studie der Nasa zufolge, die für ihre Arbeit denkende Köpfe braucht, sind nur zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung sehr kreativ. Das ließ die Forscher aufhorchen. Sie untersuchten Vorschulkinder. Darunter waren die sehr Kreativen mit 98 Prozent vertreten. Fünf Jahre Schule reicht schon, um diese Zahl auf 35 Prozent sinken zu lassen. "Und mancher, der den Lehrerberuf ergreifen möchte, sollte sich vorher überlegen, ob er sich und den Kindern das antun will."

Bei Christoph Sieber kann man lachen - aber es bleibt einem oft im Halse stecken. Mit seinem Programm "Hoffnungslos optimistisch" begeisterte der Kabarettist am Samstag im ausverkauften Kleinen Konzertsaal des Theater und Konzerthauses in der Reihe Kleinkunst. Mal trocken und charmant, mal leidenschaftlich in Wort und Liedern durchleuchtet er gnadenlos Gesellschaft und Politik. "Der mündige Bürger ist eine Mär. Es gibt nur noch Konsumenten." Nur wer unglücklich ist konsumiert, und deshalb werden wir unglücklich gehalten. Produziert wird nur, um weggeschmissen zu werden.

Die Politik hat längst schon ausgedient. Die Strippen werden von den Lobbyisten gezogen. "Systemrelevant sind die Banken, nicht die Bürger." So ist die Armut in diesem Lande gewollt. "Wussten Sie, dass zehn Prozent unserer Mitbürger ohne richtige Winterbekleidung auskommen müssen?" Der Bürger ist zum Bittsteller geworden, der noch billiger arbeiten soll. "Der Glaube, dass Wachstum die Lösung ist, ist das eigentliche Problem." Systematische Verdummung ist hier am Werk.

Das Gerede von den demografischen Faktoren, dem Älter werden der Gesellschaft, ist ein Beispiel dafür. Etwa, dass studierte Damen weniger Kinder bekommen. "Akademikerfrauen sind klug, aber frigide", ätzt Sieber. Und die Politik hat keinen besseren Einfall, als Kohle locker zu machen - als würde, frei nach Brecht, Geld geil machen. Die Realität aber sieht anders aus: "Alleinerziehend bedeutet fast gleichzeitig Hartz 4. Das ist symptomatisch für unsere Gesellschaft." Ein anderer Krake sind sie Pharmahersteller. "Der medizinische Fortschritt wird in 50 Jahren so weit sein, dass keiner mehr gesund ist." Denn die Pharmaindustrie erfindet neue Krankheiten. So gibt es nun auch die Wechseltage bei Männern. "Bisher war das nur, wenn der Mann alle 14 Tage mal das T-Shirt gewechselt hat." Und wenn man in selbligem vor sich hinmüffelt, reizt das den potenziellen Geschlechtspartner auch nicht gerade, die Geburtenrate zu erhöhen. Die Pharmalobby hat leichtes Spiel, wenn sie die Medikamentenzulassungsstelle finanziert. "Es wäre dasselbe, als würde man Al Qaida mit der Gepäckkontrolle an den Flughäfen beauftragen."

Was also kann man machen? "Das hier ist Kabarett ohne Konsequenzen. Denn für eine Revolte ist es zu kalt draußen. Sie werden mit mehr Fragen rausgehen, als sie hereingekommen sind." Kleinkunstpreisträger Christoph Siebers fünftes Kabarett-Programm ist eindringlich und lässt nachdenken. Und auch wenn alles hoffnungslos scheint, soll man doch optimistisch bleiben - wie der Titel des Abends verrät.

Quelle: RP
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