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Solingen
Die Stimmen aus der irdischen Vorhölle

Solingen. Das Solinger Ensemble Profan bringt Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" auf die Bühne. Von Jan Crummenerl

"Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die, die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktion." Daran hat er sich gehalten. Laut und deutlich hat er geredet und geschrieben. Aber keiner wollte es hören. Und sehen natürlich schon gar nicht. So hat das Ensemble Profan dem Drama von Wolfgang Borchert "Draußen vor der Tür" den vielsagenden Untertitel "Ein Stück das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" gegeben. Am 8. September ist Premiere im Theater. Weitere Vorstellungen gibt es am 9. und 10. September.

"Nach dem Krieg war man mit dem Wiederaufbau beschäftigt", erläutert Profan-Regisseur Michael Tesch. "Die Menschen haben lieber verdrängt, als über Krieg und Verantwortung nachzudenken." Weitermachen war angesagt. Da stört natürlich einer wie Borchert, dessen Werk - wie das mancher Kollegen - erstmal von der Wirtschaftswunder-Dampfwalze überrollt wurde. "Erst in den 60er Jahren fing die junge Generation an, Fragen zu stellen." All das hatte Borchert zwei Jahrzehnte zuvor in seinem 1947 uraufgeführten Stück angesprochen. "Borchert zeigt in einem sehr frühen Stadium, was Krieg bedeutet und was er aus den Menschen macht", sagt Tesch. "Und er stellt die Frage nach der individuellen Verantwortung für das Geschehene und die Toten." Borcherts Drama ist dabei durchaus autobiografisch geprägt. Schwer verwundet überlebt er die Front, wird 1944 wegen "wehrkraftzersetzender Äußerungen" zum Tode verurteilt, das Urteil wird umgewandelt in "Bewährung an der Ostfront": "Jawohl, Herr Oberst. Bin irgendwo mit eingestiegen. In Stalingrad, Herr Oberst. Aber die Tour ging schief, und sie haben uns gegriffen. Drei Jahre haben wir gekriegt, alle hunderttausend Mann." 26-jährig stirbt der Autor 1947.

Beckmann - einfach nur Beckmann - heißt sein Protagonist, ein Kriegsheimkehrer, ein aus der Welt Gefallener, der zum Selbstmord bereit ist. "Beckmann ist innerlich zerrissen", so Tesch. In der Gestalt des "Anderen" tritt er sich selbst gegenüber. Der eine möchte Verdrängen, sich eingliedern. Der andere aber sagt, dass das so nicht geht. Verantwortung kann man nicht zurückgeben. Wie vor 30 Jahren bei der ersten Produktion dieses Dramas durch das Ensemble Profan ist wiederum Markus Henning als Beckmann zu sehen: "Da wir das Stück ganz neu erarbeitet haben, spielt die alte Inszenierung heute keine Rolle." Und Michael Tesch ergänzt: "Vor 30 Jahren haben wir versucht, alles realistisch zu zeigen. Jetzt gehen wir da abstrakter ran." An der Elbe spielt die Neuinszenierung, an einem Hafensteg. Der Eiserne Vorhang wirkt mit seiner Struktur wie eine Containerstadt. Projektionen beleuchten die unterschiedlichen Szenen. Spielte Henning damals den Beckmann sozusagen im original Rollenalter, so ist die Rolle jetzt universeller angelegt. Tesch: "Wenn jemand aus den Krieg kommt, ist das Alter unwichtig." Unwichtig ist auch das Alter des Dramas, das Borchert vor genau 70 Jahren, 1946, zu schreiben begann. "Die Welt brennt an allen Ecken und Enden", sagt der Regisseur. "Solange es Kriege gibt, ist dieses Stück aktuell." Und mit ihm die Frage nach der je eigenen Verantwortung dafür, wie die Welt und das Leben in ihr ist. Trotz aller Mühen schafft es Beckmann nicht, einen Zugang zum Leben zu finden. Er bleibt "Draußen vor der Tür". Für Borcherts Verleger Bernhard Meyer-Marwitz ist "dieses Stück in der Glut einer irdischen Vorhölle gebrannt worden". Es verleiht den Toten und Lebenden eine Stimme "zur Anklage und Mahnung". Mit Beckmann gibt es auch einen direkten Bezug zur Klingenstadt. Der Solinger Bildhauer Curt Beckmann (1901 bis 1970) hatte in seiner Hamburger Zeit engen Kontakt zu Borcherts Familie. Dieser benannte seinen Protagonisten nach dem Künstler - ohne Curt natürlich.

Quelle: RP
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