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Serie 24 Stunden - 24 Menschen
Die ungeschriebenen Freibad-Gesetze

Freibäder im Bergischen Land
Freibäder im Bergischen Land FOTO: Ralph Matzerath
Solingen. Bei Hochbetrieb im Heidebad legen Thomas Meiendresch und seine Schwimmmeister-Kollegen bei ihren Kontrollgängen jeweils zwischen neun und zehn Kilometern zurück. An ruhigen Tagen werden Arbeiten erledigt, die bei Sonne liegenbleiben. Von Guido Radtke

Thomas Meiendresch hätte guten Grund, neidisch zu sein auf die Badegäste im Heidebad. Während die sich um 14 Uhr bei schönstem Wetter in einem der beiden großen Becken vergnügen, sich vom Sprungturm ins kühle Nass stürzen oder einfach nur auf der Wiese faulenzen, geht der 23-Jährige in der prallen Sonne seiner Arbeit als Fachangestellter für den Bäderbetrieb nach. So wird der Schwimmmeister nach abgeschlossener Ausbildung inzwischen offiziell bezeichnet. "Neidisch ? Gar nicht." Er habe sich schließlich den Beruf ausgesucht. "Ich genieße die Sonne und bin den ganzen Tag an der frischen Luft."

Auf rund 1000 Besucher schätzt Thomas Meiendresch den Andrang an diesem Nachmittag. Eine entspannte Arbeitssituation für ihn und seine Kollegen Stefan Pill und Marco Bacchi, die gelassen das Treiben im Wasser beobachten. "Stressig wird es für uns erst, den Überblick zu behalten, wenn mehr als 2000 Leute im Bad sind." Mit dieser Zahl ist am heutigen Freitag sowie am Wochenende zu rechnen. "Erstaunlicherweise dauert es in der Regel drei warme Sonnentage, bis der Ansturm einsetzt." Es ist eines der ungeschriebenen Freibad-Gesetze, die sich die Schwimmmeister nicht erklären können.

Thomas Meiendresch schaut, welche Kontrollposition seine Kollegen eingenommen haben, und schlendert dann zum Nichtschwimmerbecken, um zu beobachten. In diesem Moment huscht ein Junge im Sprint an ihm vorbei, gejagt von dessen Freund, der ihn ins Wasser schubsen will. "Langsam, bitte." Beide reagieren sofort auf die bestimmte, aber freundliche Anweisung. Etwas anders klingt seine Stimme, wenn er Kinder mit Schwimmflügeln sieht, die sich ohne Begleitung im Wasser tummeln. "Wir sind für den Ernstfall da. Manche Eltern meinen jedoch, wir sind für die allgemeine Beaufsichtigung zuständig."

Je nach Andrang legt Thomas Meiendresch täglich neun bis zwölf Kilometer bei den Kontrollgängen zurück. "Während der Hochsaison bin ich abends oft schlapp und gehe dann früh ins Bett." Nicht verwunderlich, wenn man rund zehn Stunden am Beckenrand steht. Kurz vor der Mittagssonne cremen sich die Mitarbeiter ein. "Das reicht dann für den restlichen Tag." So kommen alle Mitarbeiter die gesamte Freibadsaison mit zwei großen Flaschen Sonnenmilch aus.

Anders sieht es mit Abkühlung aus. Da ist der Bedarf insbesondere in den Nachmittagsstunden groß. Thomas Meiendresch nutzt die Gunst der Stunde und stellt sich in die Nähe einer Gruppe, die von "Arschbomben" nicht genug bekommen kann. Ermahnen will er sie keineswegs, denn das Heidebad zählt zu den Ausnahmen in Nordrhein-Westfalen, wo es kein Verbot für das Springen vom Beckenrand gibt. "Ich möchte als Erfrischung nur ein paar Spritzer Wasser abbekommen", sagt er und lacht. Marco Bacchi hält sich aus gleichem Grund in aussichtsreicher Position am Sprungturm auf. "Das tut gut."

Langweilig kann es den Schwimmmeistern nicht werden - auch nicht bei schlechtem Wetter oder kühlen Temperaturen, wenn nur die Stammgäste zum Bahnen schwimmen kommen. An ruhigen Tagen wird alles das erledigt und aufgearbeitet, was an heißen Tagen aufgrund des Sicherheitsaspektes nicht zu schaffen ist: Hecken schneiden, Fliesen oder Dächer reinigen, Becken saugen und und und.

Es ist kurz vor 15 Uhr. Zeit für Thomas Meiendresch, das gelbe Schränkchen am zentralen Erste-Hilfe-Tisch zu öffnen und einen kleinen Koffer herauszuholen. Im Drei-Stunden-Takt wird der pH-Wert und Chlor-Gehalt geprüft. Das geschieht im Heidebad noch manuell. Die entnommene Wasserprobe färbt sich leicht pink, die Analyse zeigt einen Zahlenwert an, der Thomas Meiendresch zufrieden stimmt. "Er liegt genau in der Norm." Dennoch steuert er in der Technik vorsorglich nach. "Im Hallenbad sind es die Menschen, die das Chlor verzehren. Im Freien ist es die Sonneneinstrahlung." Der Badetag sei ja noch lang.

Der Feierabend lässt noch fünf Stunden auf sich warten. Schon jetzt weiß Thomas Meiendresch, dass er bis dahin noch ein paar heikle Minuten überstehen muss. "Wir müssen nicht auf die Uhr schauen, um zu wissen, wann es 17 Uhr ist." Eines der weiteren ungeschriebenen Freibad-Gesetze, die sich nicht erklären lassen, ist das Verhalten der Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt. "Plötzlich drehen alle irgendwie am Rad und toben sich noch mal richtig aus." In diesem Moment sei noch größere Aufmerksamkeit als ohnehin gefragt.

Quelle: RP
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