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Solingen
Doppelter Geburtstag an den Bahngleisen

Solingen: Doppelter Geburtstag an den Bahngleisen
Der historische Schienenbus weckte bei vielen Besuchern Kindheitserinnerungen. Für manch ein Kind war es der erste Kontakt mit der Bahngeschichte. FOTO: Stephan Köhlen
Solingen. Beim Brückenfest feierten die Gäste den 120. Geburtstag der Müngstener Brücke und das 150-jährige Bestehen des Hauptbahnhofs. Von Alexander Riedel

Immer wenn ein Zug wie eine langgezogene Lichterkette hoch über den Köpfen der Besucher das Tal überquerte, schweiften viele Blicke nach oben. Der Protagonist des nasskalten Samstagabends lag dabei jedoch in völliger Dunkelheit: Die Müngstener Brücke feierte ihren 120. Geburtstag, und einige hundert Gäste ließen es sich nicht nehmen, dem Stahlkoloss eingepackt in Regenjacken und ausgerüstet mit Schirmen ihre Aufwartung zu machen.

"Es ist ein bisschen schade, dass nicht noch mehr Menschen da sind", sagte Christine Noethgen, die sich mit Freunden am Haus Müngsten eingefunden hatte. "Ich habe viel gelesen über die Illumination, die es hier geben soll", berichtete sie.

Mehrfach erstrahlten am Abend Teile des Wupperufers auf Solinger und Remscheider Seite in bunten Farben. Schemenhaft waren dabei Motive zu erkennen, die auch auf einer Leinwand an der Brücke erschienen - Bilder aus der Bauphase des Bergischen Wahrzeichens, aber auch von den imposanten Bauwerken in Portugal, Frankreich und Italien, die sich gemeinsam mit der Wupperbrücke um den Status als Weltkulturerbe bewerben.

FOTO: Köhlen Stephan

Frank Göllmann und Annabelle Schleder hatten die aufwendige Projektion federführend gestaltet. Während einige Besucher ihre Enttäuschung nicht verbergen konnten, dass die Brücke selbst nicht beleuchtet wurde, betonte Gast Jan Oberfranc: "Ich fand es schon interessant, auch die anderen Brücken auf diese Weise vorgestellt zu bekommen." Mit Frau und Kind im Vorschulalter war er zu Fuß in den Brückenpark gekommen. "Für meinen Sohn ist es spannend, so einen abendlichen Spaziergang im Dunkeln zu machen."

Während die Familie und andere durchgefrorene Gäste den Heimweg antraten, feierten andere noch ausgelassen im Zelt neben dem Haus Müngsten zur Musik der Band "Casa d'Locos" oder statteten der von Monika Brandes und Michael Bauer-Brandes mit vielen Helfern gestalteten Ausstellung "Brücke in die Zukunft" in der Eventschmiede einen Besuch ab.

Der Wuppertaler Bodo Gerdes (li.) trug zu den Feierlichkeiten eine Schaffner-Uniform. Sarah Schneider (re.) zeigte einige Gegenstände der Fundsachen- Versteigerung. FOTO: Köhlen Stephan

Ein Blickfang waren auch die Metall-Skulpturen auf dem Außengelände, die ebenso in buntes Licht gehüllt waren wie die umstehenden Bäume. Mit Programm für Familien ging es tags drauf im Brückenpark weiter: Rund 6000 Menschen kamen nach Angaben des Stadtmarketings.

Herz des festlichen Treibens war gestern aber Ohligs. Denn dort ließ sich der zweite große Jubilar am Bahngleis feiern: Der Solinger Hauptbahnhof, der ursprünglich "Ohligs-Wald" hieß, wurde in diesem Herbst 150 Jahre alt. Die Ohligser Jongens machten den Vorplatz zum Festgelände: Eine Modelleisenbahn der Eisenbahnfreunde Solingen drehte ihre Runden und die 3D-Malerei von Straßenkünstler Gregor Wosik zeigte die Müngstener Brücke mit einer Dampflok und einem stählernen Treppenabgang. Der Blick durch eine Lupe verstärkte die Raumwirkung des Kunstwerks.

Nicht um Illusionen, sondern um reale Gegenstände ging es wenige Meter weiter: Dort versteigerte die Deutsche Bahn Fundsachen. Dabei hatten Auktionator Walter Schreiner und Assistentin Sarah Schneider eine Menge zu bieten: Neben Teddybären, Turnschuhen und Sporttaschen wechselte ein Trolley mit besonders schmackhaftem Inhalt für 32 Euro den Besitzer. Die Bierdosen waren wohl von einer feucht-fröhlichen Reise übrig geblieben.

Ins Getümmel stürzte sich gestern auch der Wuppertaler Bodo Gerdes, der fast 50 Jahre lang für die Deutsche Bahn tätig gewesen war. Neben einer Schaffner-Uniform trug er einen alten Münzwechsler, Kelle und andere Utensilien mit sich herum. Dabei hatte der 71-Jährige beim Verkehrsunternehmen eigentlich Verwaltungstätigkeiten ausgeübt. "Ich kenne hier noch einige Bekannte von früher, die mich ansprechen", sagte Gerdes, der standesgemäß mit der Bahn angereist war.

Während Sturmtief Herwart vielen Fahrgästen in nördlicher und östlicher Richtung zu schaffen machte, verkehrte der historische Schienenbus nach Remscheid im Zweistunden-Rhythmus planmäßig. Und die Nachfrage war groß: "Wir haben gerade keinen Platz mehr gefunden", sagte Benno Kubiak, der mit seiner Familie ans Gleis gekommen war. "Die alten Schienenbusse zu sehen, weckt bei mir Kindheitserinnerungen", sagte der Familienvater und schob mit Blick auf die übernächste Generation hinterher: "Für unser Enkelkind ist es der erste Kontakt mit der Bahngeschichte."

Quelle: RP
 
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