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Solingen
Eierkohlen - die vergessene Rarität

Solingen. Heinz Kohnen ist einer der letzten von vormals 80 Kohlenhändlern in Solingen. Eierkohlen gehören zu seinem Sortiment. Er bezieht sie aus England, da es keine deutschen Produzenten mehr gibt. Von Annemarie Kister-Preuss

Sie brennt länger als jedes Brikett, außerdem entwickelt die Eierkohle mehr Hitze, und am Ende bleiben nur fünf Prozent Asche übrig. Der eiförmige Brennstoff ist längst zu einer Rarität geworden, die der Solinger Kohlenhändler Heinz Kohnen inzwischen in ganz Deutschland verkauft. "Erst voriges Wochenende kamen Kunden aus den Niederlanden und haben vier Tonnen Eierkohlen mitgenommen", sagt der 59-Jährige, der einer der letzten Kohlenhändler in Solingen ist - von rund 80, die es in den fünfziger Jahren noch gegeben hatte.

Heinz Kohnen versteht viel von seinem Geschäft, das er nunmehr 40 Jahre betreibt und längst breiter aufgestellt hat. Vom Kohlenhandel allein könnte er kaum existieren, so verkauft er an der Friedenstraße in Aufderhöhe inzwischen auch Kartoffeln, Obst, Gemüse, Gartenmulch und Gas. Doch auch der Kohlenhandel ist nach wie vor ein Standbein des Familienbetriebs - und Heinz Kohnen versteht viel von diesem Geschäftszweig.

"Wenn die Kohle aus der Erde kommt, ist sie verschmutzt mit Schiefer, aber auch mit Bergen, wie der Kumpel die enthaltenen Steine nennt", erzählt der Händler. Bei der maschinellen Kohlenwäsche werden die Steine entfernt, beim anschließenden Erhitzen der Teer und auch Spuren von Benzin. Was dann übrigbleibt, ist der reine Kohlenstaub. "Damit kann man Eisen verhütten. Ein Verfahren, mit dem der Engländer James Darby die industrielle Revolution eingeleitet hat", schildert Heinz Kohnen Geschichtsträchtiges. Kohlenstaub alleine eignete sich also nicht als Brennstoff, und so bestehen Eierkohlen aus Steinkohlenstaub und Steinkohlenteerpech.

Eierkohlen dienten und dienen als Brennstoff für geschlossene Kohleöfen, wie sie früher in vielen Privathaushalten standen. Die letzten deutschen Eierkohlen bezog Heinz Kohlen von der Zeche Sophia-Jacoba in Hückelhoven, wo von 1914 bis zu ihrer Stilllegung im Jahre 1997 Steinkohle gefördert wurde. Die Eierkohlen aus den Niederlanden, die Heinz Kohnen seinen Kunden inzwischen auch über das Internet anbietet, kommen in Gebinden zu 25 Kilogramm und kosten 17,40 Euro pro Sack. 40 Gramm wiegen die kleinen Kohleeier.

"Wer damit abends seinen Ofen richtig befeuert, hat am nächsten Morgen noch Glut und somit Wärme", sagt der 59-Jährige, der auch gleich die nötigen Sicherheitshinweise zum Umgang mit Eierkohlen gibt: Nur in geschlossenen, geeigneten Öfen verbrennen, für ausreichend Zu- und Abluft sorgen und nur mit Papier, Anmachholz oder Würfeln anzünden. Keinesfalls eignen sich Eierkohlen zum Verbrennen in Grillgeräten, warnt Heinz Kohnen. Neben den Gefahren durch die Freisetzung von Kohlenmonoxid und CO2: "Die Würstchen würden nur nach Teer schmecken", sagt Heinz Kohnen.

Auch wenn es die klassischen Kohleöfen heute nur noch selten gibt, erlebt die Eierkohle durchaus eine kleine Renaissance durch die beliebten Kaminöfen, die mehr und mehr in deutschen Wohnzimmern anzutreffen sind. Doch auch hier gilt, die Kohlen "mit gesundem Menschenverstand und technischem Verständnis" einzusetzen. "Jeder muss ausprobieren, mit wie viel Kohle der Ofen optimal brennt", weiß der Händler aus Aufderhöhe.

Und wer alles richtig macht, hat bis zum nächsten Morgen wohlige Wärme und nur ein ganz kleines Häuflein Asche in seinem Ofen.

Quelle: RP
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