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Landgericht
Eigener Familienclan setzte Hanaa S. unter Druck

Landgericht: Eigener Familienclan setzte Hanaa S. unter Druck
Vor dem Landgericht haben im Mordprozess der seit April 2015 vermissten Hanaa S. direkte Familienangehörige ausgesagt. FOTO: Bernd Thissen
Solingen. Im Mordprozess um die verschwundene Frau sagte gestern ein Bruder der Vermissten vor dem Landgericht aus. Von Martin Oberpriller

Der Mordprozess um das Verschwinden der seit mehr als einem Jahr spurlos vermissten Hanaa S. entwickelt sich immer mehr zu einem juristischen Puzzlespiel. Denn nachdem der Staatsanwaltschaft bereits in der zurückliegenden Woche ein wichtiger Zeuge weggebrochen war, der die fünf Angeklagten - darunter Ehemann und Sohn der jungen Frau - zuvor bei der Polizei noch schwer belastet hatte, wird es nun während der kommenden Verhandlungstage vor allem darum gehen, die letzten Monate der 35-jährigen Jesidin möglichst genau zu rekonstruieren.

Den Anfang machte beim gestrigen Fortsetzungstermin vor der 3. Strafkammer des Wuppertaler Landgerichts ein jüngerer Bruder der Vermissten. Als Zeuge berichtete der 24-Jährige davon, wie seine Familie seinerzeit den Entschluss der Schwester aufgenommen hatte, ihren Mann zu verlassen. "Uns war durchaus klar, dass Hanaa von ihrem Ehemann nicht gut behandelt wurde", gab der Bruder beispielsweise vor Gericht zu Protokoll - und gewährte gleichzeitig einen eher seltenen Einblick in die Strukturen von vermeintlichen Ehrvorstellungen eines jesidischen Großclans.

Obwohl den Geschwistern sowie den Eltern von Hanaa S. nämlich die Ausweglosigkeit in deren Ehe offenbar bewusst war, unterstützten sie die dreifache Mutter keineswegs bei ihrem Versuch, einen Neuanfang zu wagen. Im Gegenteil.

Vielmehr setzten auch die leiblichen Verwandten der Verschwundenen anscheinend einiges daran, die junge Frau zu einer Rückkehr zum Ehemann zu bewegen. "Ihr Verhalten war für unsere Familie ebenfalls schlecht", sagte der Bruder, der darüber hinaus schilderte, wie man dementsprechend versuchte, die Schwester beziehungsweise die Tochter zum Einlenken zu überreden.

Nachdem Hanaa S. in ein Frauenhaus in Düsseldorf geflohen war, wurde sie nämlich nicht allein vom Ehemann sowie dessen Verwandten bedrängt. Auch die eigene Familie versuchte, zu der jungen Frau Kontakt aufzunehmen - was indes nach Aussage ihres Bruders an Hanaa S. scheiterte. Diese weigerte sich wohl, den Wünschen der Verwandten zu entsprechen.

Gleichwohl ist immer noch unklar, was genau in der zweiten Jahreshälfte 2014 sowie Anfang 2015 genau geschah. Fest steht bislang nur, dass die damals 35-jährige Hanaa S., die sich inzwischen eine Wohnung in Solingen genommen hatte, im April 2015 zum letzten Mal gesehen wurde. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft überfielen die Angeklagten damals die junge Frau, entführten sie und brachten sie später um.

Die Leiche von Hanaa S. ist allerdings bis zum heutigen Tag nicht gefunden worden. Der Prozess in Wuppertal wird heute mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt.

Quelle: RP
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