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Solingen
Ein furioser Klavierabend mit magischen Momenten

Solingen. Er verbindet Lyrik und Leidenschaft, Energie und Poesie. Und er verfügt über enorme pianistische Kraftreserven - und weiß sie wirkungsvoll einzusetzen. Alexander Krichel, der in Hamburg und Hannover unter anderen beim Klaviertitan Wladimir Krainjew studierte und 2013 mit dem Echo-Klassik ausgezeichnet wurde, ist eine der talentiertesten Hochbegabungen unserer Tage. Beim Museumskonzert legte er mit Beethoven, Chopin und Mussorgskij einen furiosen Abend hin, der unter die Haut ging - und über weite Strecken weltklasse genannt werden muss.

Krichel erspürt mit einer an der Partitur orientieren stilistischen Sicherheit die Einheit komplexer Werke - und findet so direkten Zugang zum Hörer. Nichts war zufällig bei Beethovens Les-Adieux-Sonate. Mit hochkultiviertem Anschlag, dynamisch feinziselierter Nuanciertheit, klarem, feinem Ton, Sinn für Gegenstimmen und detailverliebter Raffinesse führte er durch alle Sätze. Gab nach einem intensiven Adagio-Intro die Bühne frei für die kompositorische Vielschichtigkeit des ersten Satzes, der mit seinen Steigerungsmomenten, inneren Brüchen und von Vorhalten und Spannungsintervallen durchsetzten Elementen den Abschied in Töne fasst und den zweiten Satz - die Abwesenheit - zwingend vorbereitet. Den gestaltete Krichel als verhaltenen Klagegesang, den er nahtlos in den Freudentaumel des Wiedersehens überführte. Das war große Musik: kompakt, makellos, elegant, rund. Und machte Appetit auf mehr.

Chopins b-moll-Sonate op. 35 sollte es sein - ein von Heerscharen Pianisten fast totgenudeltes, durch den Wolf der Traditionen gedrehtes Opus. Krichel hat auch diese pianistische Sphinx zum neuen, abgründigen Erlebnis gemacht. Die gut gewählten Tempi, verbunden mit einer klaren, technisch sicheren, dramaturgisch schlüssigen Artikulation, zeigten auch hier die innere Verbundenheit aller Sätze auf. Die Düsternis des ersten Satzes mit seiner deklamatorischen, von wuchtigen Akkordsprüngen geprägten Durchführung und den fulminanten crescendi und der martialische, technisch souverän genommene zweite Satz bereiteten zwingend den Trauermarsch vor, den Krichel - anders als viele Kollegen - in der gebotenen Langsamkeit nahm und so dessen Mystik authentisch zum Klingen brachte. Das geisterhaft kurze Finale überzeugte durch geschickt auf Ecktöne zugespielte Phrasierung, durch die das Thema des Anfangssatzes wie ein Echo durchklang. Das war Schauerromantik pur - brillant inszeniert.

Nach der Pause wagte sich Krichel mit Mussorgskys Bildern einer Ausstellung an einen legendären Klavierzyklus. Die von Gemälden Victor Hartmanns inspirierte Folge von elf Stücken hat er inspiriert gespielt und deren kontrastreiche modulatorische Kühnheit gut herausgearbeitet. Den Ochsenkarren "Bydlo" steigerte er zum crescendo orchestraler Wucht, der Gnomus bestach durch expressive Kraft, und das Alte Schloss war ein meditativer Gesang. Doch im letzten Viertel hakte die innere Dramaturgie doch etwas: Die fette Baba-Yaga-Akkordik haute er mit einer Wucht heraus, dass die Anfangstakte des strahlenden Schlussstücks nicht mehr wirken konnten. Bei der stark überdehnten Stretta des Finales gab es einige kleine Patzer. Aber der Applaus war ihm sicher, und mit der Zugabe - einem Lullaby aus eigener Feder - versank man in einem wunderschönen Traum.

(cyr)
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