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Solingen
Ein tragikomisches Spiel um Liebe und Lebenslügen

Solingen. Bühnenstücke mit zwei Paaren sind nicht unbedingt sehr originell. Aber der Erfolgsautor Moritz Rinke hat mit seinem 2012 uraufgeführten Stück "Wir lieben und wissen nichts" kein Lustspiel oder gar einen oberflächigen Schwank verfasst - obwohl auch in seinem Vier-Personen-Spiel viel gelacht werden darf. Ein hochkarätiges Schauspielerensemble machte die Aufführung vor etwa 450 Besuchern im Solinger Pina-Bausch-Saal zu einem Höhepunkt der Theatersaison. Von Wolfgang Günther

Die Ausgangssituation ist erst einmal unverfänglich. Zwei Paare treffen sich beim Wohnungstausch, berufliche Veränderungen erzwingen den gegenseitigen Umzug. Helmut Zierl spielt den sensiblen Autor Sebastian, der immer noch seinen Erfolgsroman schreiben will, sich aber mit kleinen Auftragsarbeiten über Wasser hält. Seine Freundin Hannah (Elisabeth Degen) ist als Zen-Coach für gestresste Bankmanager ungleich erfolgreicher, darüber kann sich Sebastian nur köstlich amüsieren.

Auftritt Roman und Magdalena; gespielt von Uwe Neumann und Sandrine Guiraud. Sie ist als Physiotherapeutin für Tiere gefragt. Roman, ein burschikoser, voll vernetzter Alles-im-Griff-Typ, ist besessen von seiner Arbeit an der Vernetzung der Welt. "Ich will die ganze Menschheit ans Netz bringen", ist sein Credo, und das von Sebastian schlampig vergessene Kennwort des W-LAN bringt ihn zur Verzweiflung. Dabei hat sein Arbeitgeber schon die Kündigung geschrieben, er wird nicht mehr gebraucht. Aus dieser Konstellation der Paarbeziehungen entwickelt sich ein faszinierend dichtes Spiel auf hohem Niveau. Für Roman gilt nur die moderne Kommunikation. "Dann haben die Menschen in Afrika zwar Internet, aber noch nichts zu fressen", hält ihm Sebastian entgegen.

Marcus Ganser hat für das Tourneetheater ein Bühnenbild gebaut, in dem vor allem der Wechsel von Zimmerwand zur riesigen Videoprojektion beeindruckte, bei der Roman den Start seines neuen Kommunikations-Satelliten verfolgt. Regisseur Rüdiger Hentzschel hält in dieser Tragikomödie das Quartett ständig in Bewegung. Immer enger wird das Netz der Handlung, in dem nach und nach die Wahrheit über die Lebenslügen ans Licht gezerrt wird.

Autor Moritz Rinke hat ein Gefühl für dramatisches Potenzial seiner Figuren, er geht keine Kompromisse in der Schilderung der Lebensereignisse ein und überrascht die Zuschauer mit immer neuen Wendungen in der Handlung. Und die filigranen Pointen, mit perfektem Timing serviert, sorgen dafür, dass bei dem menschlichen Desaster die Komödie nicht zu kurz kommt.

Eigentlich leben die beiden Paare nur noch aus Gewohnheit zusammen, "wenn wir nicht reden, trennen wir uns nicht", sagt Roman einmal zu seiner Frau. Und die Frauen sind es auch, die am Ende wenigstens den Versuch unternehmen, den Anschein von Normalität zu wahren. Ihre resignierenden Männer können ihnen nur hilflos zusehen.

Langen Beifall gab es für diesen exzellenten Theaterabend, der durchaus mehr Besucher verdient gehabt hätte.

Quelle: RP
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