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Solingen
Ein Zuhause für den jungen Mann aus Eritrea

Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen
Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen FOTO: RP
Solingen. Seit Februar lebt der 26-jährige Awet Musgna bei Wolfgang Fudickar und seiner Familie in Höhscheid. Sie unterstützen den jungen Mann aus Eritrea - und zeigen auf, wie man Flüchtlingen auch begegnen kann. Von Maxine Herder

Es war ein langer und gefährlicher Weg, den Awet Musgna für ein sicheres Leben nehmen musste: Er hat den Krankenpfleger aus der Militärdiktatur in seinem Heimatland Eritrea über Äthiopien und den Sudan durch die Sahara nach Libyen und in ein libysches Gefängnis geführt, in die Hände von Schleusern und schließlich in ein kleines Boot, mit dem er nach fast einjähriger Reise an einem Strand Siziliens angekommen ist.

Er hat ihn von Mailand vor eine Polizeiwache in Frankfurt geführt, wo die Schlepper ihn ausgesetzt haben, in ein Flüchtlingsheim bei Rostock - und sein vorläufiges Ende nun in einem hübschen Einfamilienhaus in einer ruhigen Siedlung in Höhscheid gefunden: Seit Ende Februar lebt Awet Musgna hier mit Wolfgang Fudickar und seiner Frau, hat ein eigenes Zimmer im Obergeschoss. Und seine Augen leuchten, wenn er von dem Klavier erzählt, auf dem er hier üben kann. "Das ist mein Zuhause geworden", sagt der junge Mann, "hier kann ich entspannen, hier essen wir zusammen, hier reden wir und lachen."

Am großen, hölzernen Esstisch in der gemütlichen Küche ist gestern Morgen Oberbürgermeister Norbert Feith zu Gast. "Um in der aufgeregten Debatte um die Flüchtlinge, in der es viel um Haltungen geht, mal zu sagen: Es gibt auch ein Gesicht dahinter. Und um anderen, mutigen Menschen, die aus der Not zu uns kommen, zu begegnen."

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Wolfgang Fudickar, 65, und Awet Musgna, 26, haben ihm dazu viel zu erzählen. Von den Erfahrungen, die sie in den vergangenen Monaten gemacht haben, von Begegnungen auf Ämtern, von Traumata und Erinnerungen an das Leben in Eritrea, in dem bereits Kinder eine Waffe am Pult neben sich stehen haben müssen, von Bürokratie und Perspektiven, wenn das Land, aus dem man fliehen muss, Schul- und Arbeitszeugnisse einzieht, das Militär einen lebenslang verpflichten will.

Wolfgang Fudickar, Mitglied im Anfang des Jahres gegründeten Verein Flüchtlingshilfe Solingen, ist dabei für Awet Musgna viel mehr als ein Vermieter: Er bezeichnet sich selbst als "väterlichen Freund", hat nicht nur für Awet Musgna, sondern für einen weiteren jungen Mann eine Patenschaft übernommen. "Unsere Kinder sind aus dem Haus, wir haben hier viel Platz, der genutzt werden muss, das bot sich an", sagt Fudickar ganz selbstverständlich.

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Er musste, als aus dem Verein die Anfrage kam, ob jemand Awet Musgna helfen könne, nicht lange überlegen, ob er bereit sei, dem jungen Mann ein neues Zuhause zu geben. Er hat ihn direkt in seinem Umfeld vorgestellt. "Es ist wie bei einem eigenen Sohn: Wenn er Hilfe braucht, dann begleite ich ihn. Wir helfen ihm, eine Grundlage zu schaffen. Er lernt die deutsche Mentalität und Berufswelt kennen. Wir unterstützen ihn bei seiner Zukunft."

Mittlerweile ist der Alltag längst eingespielt, der Umgang miteinander liebevoll, selbstverständlich: Morgens geht Awet Musgna in seinen Integrationskurs beim Internationalen Bund, hat dort schon gut Deutsch gelernt, nachmittags trifft er Freunde oder seine Tante, die in Ohligs lebt, er geht gerne schwimmen, mag traditionelle eritreische Musik genauso wie Hip Hop, zockt gerne mit dem Stiefsohn von Wolfgang Fudickar auf der Konsole, liebt das Klavierspielen, das er hier neu für sich entdeckt hat. "Sein Leben hier ist frei von Reglementierungen, er kann sich überall frei bewegen", sagt Wolfgang Fudickar. Musgnas Name steht mit dem der Familie an der Haustür. Er selbst, sagt der Rentner, habe ein gutes Leben gehabt, eine gute berufliche Grundlage schaffen können, und wolle nun seine Zeit sinnvoll verbringen. "Mit Awet haben wir viel Glück gehabt, die Chemie hat einfach gestimmt."

Awet Musgna plant jetzt, wie es weitergehen soll. Er wolle gerne Mechaniker lernen, vielleicht Automechaniker, in jedem Fall etwas Handwerkliches. "Ich habe Pläne für die Zukunft", sagt er. Seinen Weg wird er weiter gehen.

Quelle: RP
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