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Serie Traditionsberufe (3)
Eine Absatz-Flaute kennt sie nicht

Serie Traditionsberufe (3): Eine Absatz-Flaute kennt sie nicht
Martina Rohn Reimann hat alle Hände voll zu tun. Die meisten Kunden, die zu ihr kommen, brauchen neue Absätze an den Schuhen. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Martina Rohn Reimann war in ihrem Beruf schon immer etwas Besonderes. Nach einer Konditorlehre ließ sie sich noch zur Schuhmacherin ausbilden. Jetzt ist ihre Gräfrather Schuhmacherei zudem eine der letzten in der Klingenstadt. Von Fred Lothar Melchior

Warum lässt sich jemand nach einer Konditorlehre noch zur Schuhmacherin ausbilden ? Martina Rohn Reimann lächelt. "Sie wissen doch: Frauen und Schuhe . . ." 1981 machte sie mit ihrem damaligen Lebenspartner Helmut Greis den Betrieb an der Ecke von Lützowstraße und Ketzberger Straße auf. "Das mit der Schuhmacherei gefiel mir so gut, dass ich bei ihm noch einmal in die Lehre gegangen bin. Ich fand und finde es toll, wenn man am Ende des Tages eine fertige Sache vor sich stehen hat."

Früher hat sie die reparierten Schuhe der Kunden abends noch geputzt. "Das schaffe ich heute nicht mehr", sagt die 54-Jährige, die den Betrieb seit 2001 alleine führt. Denn heute ist sie eine der Letzten ihrer Zunft in Solingen. 1950 hatte die Innung noch 173 Mitglieder, heute steht Rohn Reimann als Einzige in den Gelben Seiten. Die Kunden kommen deshalb nicht nur aus dem ganzen Stadtgebiet, sondern auch aus Langenfeld, Leichlingen und Wuppertal - viele auf Empfehlung. "Das ist ein total toller Laden", lobt beispielsweise Heike Frohnhoff. Sie ist Kundin, seit sie vor gut zehn Jahren in die Klingenstadt zog.

In einem ehemaligen Schleifkotten an der Ecke Lützowstraße und Ketzberger Straße hat Martina Rohn Reimann ihre Werkstatt. FOTO: Kempner Martin

"Früher gab es an jeder Ecke einen Schuhmacher", blickt Martina Rohn Reimann zurück. "Viele Kollegen haben aber aus Altersgründen aufgehört. Deshalb wird es für mich immer extremer. Ich bin fast jeden Tag bis 23 Uhr beschäftigt." Denn am Abend, wenn sie den ehemaligen Schleifkotten abgeschlossen hat, stehen zu Hause Näharbeiten auf dem Programm. Dann gehen viele Reißverschlüsse durch ihre flinken Hände, werden aber auch Hundeleinen, Zaumzeug und Koffer repariert.

Im rund 25 Quadratmeter kleinen Betrieb, der kein fließendes Wasser und keine Heizung hat, ließ sich die Nähmaschine nicht mehr unterbringen. "Solche Arbeiten, für die man früher sogar den Meisterbrief brauchte, macht fast niemand mehr", sagt die Gesellin. "Dazu muss man Zeit und Ruhe haben. Es ist nicht meine Lieblingsarbeit, aber es gehört dazu." Was noch dazugehört: "Die meisten Kunden brauchen neue Absätze", zählt sie auf. "Ich klebe, weite, länge und färbe aber auch Schuhe und kümmere mich um ihr Innenleben." Außerdem gibt es ein kleines Schlüsselprogramm.

Schneidwaren werden zwar nicht mehr zum Schärfen angenommen. Dafür sind aber die fünf Schuhspanner "von Frühjahr bis Herbst durchgängig besetzt", wie Rohn Reimann erläutert. "Viele Kunden kaufen sich die Schuhe zu eng. Wenn Exemplare aus Leder aber anderthalb bis zwei Tage auf dem Spanner geblieben sind, bekommt man eine halbe bis eine Größe raus." Nicht wenige Kunden leben ohnehin auf großem Fuß: "Ich habe mittlerweile öfter Schuhe bis Größe 52."

Auch hier zeigt sich der Unterschied zum Schnellservice, den es noch häufiger in der Stadt gibt. "Viele Anbieter haben nur einen Zwei- bis Drei-Tage-Kurs gemacht", grenzt die Handwerkerin sich ab. "Da finden Sie eine ganz andere Kundschaft." Der meist hochwertigen Schuhe ihrer Auftraggeber und des großen Andrangs wegen wartet man in Gräfrath mindestens zwei bis drei Tage auf die Reparatur. "Im Herbst dauert es auch manchmal eine Woche oder anderthalb. Aber die meisten Kunden haben Verständnis dafür."

Schwieriger wird die Arbeit allerdings, weil auch die Zahl der Lieferanten zurückgeht. Martina Rohn Reimann kauft in Bottrop und Wesseling, wenn sie etwa Material für neue Sohlen braucht. Trotz der Widrigkeiten hängt sie aber wie am ersten Tag an ihrem Beruf: "Ich stehe zwar den ganzen Tag, aber zehn Jahre mache ich es bestimmt noch. Die meisten Schuhmacher sterben in der Schuhmacherei." Eine Familie muss sie mit ihrer Arbeit nicht ernähren. Ihr Ehemann arbeitet als Werkzeugmacher und freut sich als Freund exquisiter Schuhe über die Fachfrau an seiner Seite.

Für sich selbst oder für andere Kunden hat Martina Rohn Reimann übrigens noch nie ein Paar Schuhe hergestellt. "Die Produktion der Leisten ist zu teuer", erklärt sie. Beim Thema "Frauen und Schuhe" verlässt sie sich weiter auf den Fachhandel.

Quelle: RP
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