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Schwerpunkt 125 Jahre Ohligs
Eine neue Stadt für 38 Jahre

Schwerpunkt 125 Jahre Ohligs: Eine neue Stadt für 38 Jahre
Eine Postkarte aus dem Ohligs der Zeit um 1900: Wie in vielen anderen preußischen Städten gab es auch hier ein Kriegerdenkmal. FOTO: stadtarchiv solingen
Solingen. 1891 wurde Merscheid in Ohligs umbenannt. Es folgten Jahrzehnte der Selbstständigkeit, ehe die Stadt Ohligs 1929 in der neuen Großstadt Solingen aufging. Vergessen sind die Jahre auf eigenen Beinen bis heute nicht. Dieses Wochenende feiert der Stadtteil seinen 125. Geburtstag. Von Martin Oberpriller

Die Zeichen der Zeit standen ganz eindeutig auf Tempo - und sogesehen erscheint es im Nachhinein nur folgerichtig, dass ausgerechnet das seinerzeit schnellste Fortbewegungsmittel den kleinen Ort Ohligs am Ende aus seinem sprichwörtlichen Dornröschenschlaf wach küsste.

Die Herren der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft zu Elberfeld hatten Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts bereits seit längerem darüber nachgedacht, in welche Richtung ihr Expansionsdrang wohl als nächstes gelenkt werden könnte. Seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 1844 waren schon etliche neue Schienenstränge entstanden, die fortan so etwas wie Lebensadern der Region werden sollten. So verfügte die Stadt Elberfeld ab 1849 über eine Verbindung nach Dortmund sowie zu den wirtschaftlich wichtigen Kohlegruben des Ruhrtals. Und einige Jahre später, anno 1857, war nach der Übernahme der Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahn-Gesellschaft zudem der "Brückenschlag" an den Rhein gelungen.

Der Kern von Merscheid, das im Vergleich zu Ohligs an Bedeutung verlor. FOTO: stadtarchiv solingen

Was in gewisser Weise das zukünftige Schicksal von Ohligs vorbestimmte. Denn von der Strecke Elberfeld-Düsseldorf wurde schließlich in den Jahren 1864 bis 1867 ein Abzweig in Richtung Süden, und damit auch in den heutigen Solinger Westen, gebaut - eben jener Schienenstrang, der bis heute den Anschluss der Klingenstadt an das Fernstreckennetz der Bahn bildet.

Gleichwohl bedeutete der Bau der Eisenbahn zunächst einmal nicht überall Fortschritt. Im Gegenteil, viele alte Hofschaften mussten damals dem modernen Schienenstrang weichen, wobei das bis dato eher unbedeutende Ohligs Glück hatte. Anstatt nämlich der neuen Zeit zum Opfer zu fallen, blieb der kleine Ort vom Abriss verschont. Und nicht nur das: Ohligs wurde 1867 stolzer Standort eines eigenen Bahnhofs.

Das war die Initialzündung für einen bald einsetzenden wirtschaftlichen wie städtebaulichen Aufschwung, an dessen Ende Ohligs sogar dem ehedem "großen Bruder" Merscheid den Rang abgelaufen hatte. Denn nachdem Ohligs seit der Franzosenzeit ein Teil der Bürgermeisterei beziehungsweise der späteren Stadt Merscheid gewesen war, hatten sich spätestens Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts die Kräfteverhältnisse eindeutig zugunsten des "Emporkömmlings" im Unterland gewandelt. Was nicht zuletzt darin seinen Ausdruck fand, dass das neue Rathaus der Stadt Merscheid auf Ohligser Gebiet entstand.

Für den Verwaltungssitz war 1890 der Grundstein gelegt worden. Und ein Jahr später konnte das bis heute existierende Rathaus eröffnet werden, in dem dann kurze Zeit darauf Geschichte geschrieben wurde. Bei nur drei Gegenstimmen votierten die Mitglieder des Rates für eine Umbenennung von Merscheid in Ohligs, was per königlich-preußischem Erlass vom 11. August 1891 - also fast auf den Tag genau vor 125 Jahren - schließlich bestätigt wurde.

Dabei vergaßen die Bürger der neuen Stadt Ohligs aber auch in den darauffolgenden Jahren nicht, wem sie ihren gemeinsamen Ohligs-Merscheider Aufschwung zu verdanken hatten. Die Eisenbahn blieb der Motor der Entwicklung, so dass das moderne Verkehrsmittel ab 1896 in Form eines geflügelten Eisenrades sogar im Stadtwappen von Ohligs seinen Platz bekam.

Beendet war die bauliche, wirtschaftliche und soziale Entwicklung mit der Umbenennung indes noch lange nicht. Ohligs wuchs im Zeitalter der Hochindustrialisierung weiter rasant. Hatten im Jahr 1895 beispielsweise etwas mehr als 12.500 Menschen in der Stadt gelebt, so vergrößerte sich die Einwohnerzahl binnen zehn Jahren auf rund 24.000 Bürger und erreichte 1929, im letzten Jahr der Selbstständigkeit, fast die 30.000-Marke.

Was gleichzeitig - parallel zum wirtschaftlichem Wachstum - einen echten Bauboom auslöste. Immer mehr Wohnhäuser entstanden, so dass die einzelnen Stadtteile nach und nach enger zusammenwuchsen. Und auch bei der Infrastruktur legte Ohligs zu. So wurde zwischen 1893 und 1895 direkt neben dem Rathaus ein Amtsgericht gebaut, 1897 folgte ein Wasserwerk, 1901 der Schlachthof an der Hildener Straße, 1904 ein Krankenhaus - und 1907 bekamen die Ohligser mit der Festhalle an der Talstraße sogar einen repräsentativen Bau für Großveranstaltungen.

Zwar geriet das Wachstum während des Ersten Weltkriegs für einige Jahre ins Stocken. Doch schon kurz nach Ende des Krieges wurde die Bautätigkeit wieder aufgenommen: Unter anderem mit der Errichtung eines modernen Hallenbades, in dessen Becken die Bürger der Stadt seit Ende der 1920er Jahre abtauchen konnten.

Was durchaus auch im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Denn obwohl Ohligs aus baulicher Sicht immer deutlicher die Gestalt einer Großstadt annahm, führte doch gleichzeitig kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass der Industriestandort zwischen rheinischer Tiefebene und Bergischem Land weiterhin relativ klein war - und zusätzlich an Bedeutung einbüßte, je größer die Distanz der jeweiligen Betrachter war.

In den Augen der Mitglieder des preußischen Landtags im fernen Berlin erschien Ohligs ab Mitte der 20er Jahre jedenfalls nur noch als kleiner Punkt auf der Landkarte. Was wiederum der Unabhängigkeit der Stadt nicht eben zum Vorteil gereichte. Denn die Parlamentarier in der Reichshauptstadt und preußischen Metropole hatten 1929 über das Schicksal von Ohligs zu entscheiden, nachdem bereits zu Beginn des Jahrzehnts vor allem in den Kommunen des oberen Kreises Solingen die Idee einer gemeinsamen Großstadt Solingen unter Einschluss von Ohligs aufgekommen war.

Aus Sicht vieler Ohligser war dies alles andere als ein guter Einfall, weswegen sich unter der Führung des seinerzeitigen Bürgermeisters Paul Sauerbrey ein massiver Widerstand gegen die Eingemeindung nach Solingen entwickelte. Allerdings blieb dieser Kampf am Ende vergeblich, stand Ohligs zu diesem Zeitpunkt doch bereits unter gehörigem Druck. Die preußische Politik befürwortete eine kommunale Neugliederung im nördlichen Teil der Rheinprovinz. Und die östlichen Nachbargemeinden griffen stets unverhohlener nach dem reichen Ohligs, das damals aufgrund seiner Wirtschaftskraft eine besondere Rolle auf dem Gebiet des heutigen Solingen einnahm.

So kam es schließlich, wie es kommen musste. Die preußischen Landtagsabgeordneten wurden im übertragenen Sinne mit Wirkung zum 1. August 1929 zu den Standesbeamten der Städtehochzeit. Sie beschlossen die Bildung der neuen Großstadt Solingen sowie das Ende des selbstständigen Ohligs.

Eine Entscheidung, die noch lange Jahre für teilweise hitzige Diskussionen im Unterland sorgte. Gleichwohl endete die Entwicklung von Ohligs keineswegs mit der Eingemeindung in die Klingenstadt. Ganz im Gegenteil, wenn die Ohligser an diesem Wochenende den 125. Geburtstag ihrer ehemals unabhängigen Stadt feiern, dann tun sie das als Bürger des lange Zeit schon größten Stadtteils der gemeinsamen Großstadt Solingen.

Quelle: RP
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