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Solingen
Erinnerungen an eine Kindheit in China

Solingen. Die chinesische Malerin He Jia verbindet in ihren Bildern westliche und östliche Kultureinflüsse. Die Künstlerin, die an der Düsseldorfer Akademie studiert hat, stellt bereits zum siebten Mal in der Galerie Gecko in den Güterhallen aus. Von Güdny Schneider-Mombaur

Für den Galeristen Klaus Gehrmann ist He Jia eine alte Bekannte. Seit 2008 zeigte er ihre Bilder bereits mehrfach. "Die Künstlerin hat", wie er stolz betont, "bereits eine Fangemeinde in Solingen." Die aktuelle Ausstellung hat die Galerie Gecko direkt aus dem chinesischen Kulturinstitut, dem China Center in Düsseldorf, übernommen und durch eigene Bestände ergänzt.

Die Malerin He Jia wurde 1981 in der Millionenstadt Hohhot, Hauptstadt der Inneren Mongolei, geboren. Während ihres Studiums der traditionellen chinesischen Malerei zeigte sie zunehmend Interesse auch an "westlicher" Kunst, besonders am Expressionismus, den sie damals nur aus Büchern kannte. Bestärkt durch Jörg Immendorff, den sie anlässlich seiner Ausstellung in Peking kennenlernte, bewarb sie sich an der Kunstakademie Düsseldorf und wurde angenommen. Dort studierte sie von 2003 bis 2008 bei Immendorff und in der Lüpertz-Klasse.

He Jia versucht chinesische und deutsche Kultureinflüsse zu verbinden. Sie wandert quasi zwischen zwei Welten. Ihr Interesse gilt der Landschaftsmalerei, der Gattung, die auch in der traditionellen Malerei Chinas bedeutsam ist. In einem Interview erklärte sie jedoch unlängst, ihre Motive nähmen Bezug auf Landschaften, die sie während ihres Studiums in Deutschland faszinierten. Die Farbe Grün dominiert. Bäume, Berge, Wälder, Wiesen vermitteln romantische Naturverbundenheit. In diese Landschaftsszenerien malt He Jia das chinesische Kind, meist einsam und allein, das melancholisch dem Betrachter oder der Natur gegenüber steht. Mal als Ganzfigur, mal angeschnitten, mal als winzige Miniatur ins Bild integriert. Es sind He Jias Kindheitserinnerungen, die sie auch aus Heimweh, wie sie sagt, in diese deutschen Landschaften setzt. Die Kinder tragen traditionelle rote oder weiße Kleidung. "Doch diese Welt", so die Künstlerin, "gibt es nicht mehr. Es gibt noch nicht mal mehr diese Blousons, die doch damals alle Kinder trugen. China ist modern geworden." Die eigene Kindheit in China, dieser ungetrübte Urzustand, ist Ziel ihrer neo-romantischen Sehnsucht.

Neben weiteren motivischen Reminiszenzen an das traditionelle China, so der typische Vogel auf einem Ast, findet der Betrachter auch Anklänge an die maltechnische Tradition der Chinesen. Ihre Ölfarbe verdünnt He Jia durch reichlichen Gebrauch von Lösungsmitteln, so dass sie auf der groben Leinwand eine aquarellartige Wirkung entfaltet, die an chinesische Tuschemalerei erinnert. Die Farbe verflüssigt und verselbstständigt sich. Besonders in ihren aktuellen Arbeiten, die bei Gecko zu sehen sind, verschwimmen die Landschaftsfragmente und verschwinden mitunter in Flächen bloßer Farbe. Die Verbindung von gesetzten und zufälligen Strukturen erzeugt einen Schwebezustand zwischen Abbildhaftigkeit und Abstraktion und gibt den Farbkompositionen eine duftige Leichtigkeit. He Jias Interesse am deutschen Expressionismus zeigt sich besonders in ihren figürlichen Aquarellen. In einer schnellen direkten Konturierung und ungewöhnlichen gebrochenen Perspektiven fixiert und deformiert sie die Figur in Nahsicht. In Kombination mit der Farbigkeit der frei fließenden Aquarellfarbe erzeugt die Künstlerin auf dem Papier so eine unmittelbare expressive Wirkung, die an Egon Schiele, Erich Heckel oder an Marlene Dumas erinnert. Nach Abschluss ihres Studiums 2008 kehrte He Jia nach Peking zurück. Seitdem materialisieren sich ihre Erinnerungen und Sehnsüchte mehr und mehr im intensiven Farbrausch der reinen Landschaft.

Quelle: RP
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