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Solingen
Erinnerungen an Walter Scheel

Solingen. Der Altbundespräsident blieb seiner Heimat stets eng verbunden. Immer wieder kehrte Scheel bei vielfältigen Anlässen nach Solingen zurück. Mitschüler erinnerten sich noch Jahrzehnte später an eine Persönlichkeit - die Frotzeleien gegen die Klingenstadt nie vergaß. Von Martin Oberpriller

Wer weit gereist ist, dem verrutschen bisweilen schon mal die geografischen Maßstäbe. Bonn, Herbst 1961: Der rheinische Singsang in der Stimme des älteren Herren vernebelte ein klein wenig die Frechheit, die ihm gerade über die Lippen gekommen war. "Sagen se mal, junger Freund, wo kommen se her? Aus Solingen? Dat is für uns Kölsche ja schon Bergisch Sibirien." Der dergestalt Angesprochene verkniff sich seinerzeit eine passende Retourkutsche. Denn immerhin hatte zu dem gebürtigen Höhscheider Walter Scheel, damals Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, gerade sein Chef gesprochen - und bei dem handelte es sich um niemand Geringeren als Konrad Adenauer, den allmächtigen Bundeskanzler der noch jungen Bundesrepublik.

Doch vergessen hat Scheel die despektierliche Meinung des "Alten" über seine Heimatstadt nie, was dazu führte, dass sich der Solinger auch noch Jahrzehnte später daran erinnerte. Jedenfalls kam Walter Scheel 2007 bei der Verleihung des "Ehrenrings des Rheinlandes" in Köln auf die Episode zurück und konterte Adenauers Schmähung mit den Worten, er habe - im Gegensatz zum Altkanzler - zumindest alle Stufen der politischen Karriere ordnungsgemäß erklommen. "Bevor ich Bundespräsident wurde, war ich Mitglied im Solinger Stadtrat, im Landtag, im Europa-Parlament und im Bundestag", sagte Scheel mit verschmitztem Lächeln - und spielte so darauf an, dass Adenauer vor dem Einzug ins Kanzleramt "nur" OB von Köln gewesen war.

Keine Frage: Walter Scheel hat Solingen die Treue gehalten. Und die Solinger haben "ihren" Bundespräsidenten ebenfalls nie vergessen. Denn das Staatsoberhaupt der Jahre 1974 bis 1979 hatte schon als kleiner Junge bei seinen Freunden einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So erinnerte sich beispielsweise eine ehemalige Mitschülerin noch 80 Jahre später daran, dass der kleine Walter Scheel "immer sehr nett gewesen" sei. Aber gleichzeitig sei bereits in der Schule klar gewesen, dass aus dem Höhscheider Knirps einmal etwas ganz Besonderes werden würde: "Er war schon als Kind eine kleine Persönlichkeit".

Was Scheel als große Persönlichkeit indes nicht davon abhielt, immer wieder gerne in die alte Heimat zurückzukehren und den Kontakt zu halten. So zum Beispiel 1976, als der damalige Bundespräsident Ehrenbürger der Klingenstadt wurde, oder aber zwei Jahre später, als das Staatsoberhaupt die Sänger der Wupperhofer mit zu einer Reise nach Japan nahm, wo der Chor schließlich in der deutschen Botschaft in Tokio sang.

"Walter Scheel nahm bis ins hohe Alter Anteil an ,seiner' Klingenstadt", sagte gestern Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach, der daran erinnerte, dass Scheel 1994, im Jahr nach dem Brandanschlag, einen Ring am Mahnmal gegen Rassismus vor dem nach seiner zweiten Ehefrau Mildred benannten Berufskolleg in Merscheid geschmiedet hatte.

Dabei waren es aber nicht allein traurige Anlässe, die Walter Scheel immer mal wieder in die Heimatstadt führten. Der Altbundespräsident mischte sich ein, als er sich etwa 2012 für den Erhalt der Symphoniker starkmachte. Und er war gerngesehener Gast bei etlichen Veranstaltungen wie der Zöppkesmahlzeit, deren Ehrengast Scheel im Jahr 1989 war.

Wohl auch deshalb bekam der große Solinger, der in Höhscheid an der Messerstraße, der Neuenhofer Straße und der Neustraße aufwuchs, schon vor einigen Jahren einen festen Platz in der alten Heimat. Im Rathaus ist der Bundespräsident a. D. mit einer Büste des Künstlers Bertrand Freiesleben verewigt.

Quelle: RP
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