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Interview Norbert Feith
"Es darf gerne eine Spur ruhiger werden"

Solingen. Die Amtszeit von Norbert Feith geht am Dienstag nach sechs Jahren zu Ende. Der Oberbürgermeister blickt zurück: auf seine Aufgabe als "Super-Dezernent", auf prägende Momente - aber auch auf Enttäuschungen und die Belastung des Jobs. Von Guido Radtke

Der Ruf aus Solingen: "Das war eine riesige Herausforderung, denn Solingen ist nicht leicht (lacht). Schon damals nicht. Das politisch geschneiderte Dezernat war das größte und galt als das "Super-Dezernat". In der medialen Betrachtung wurde daraus irgendwann der "Super-Dezernent". An einer solchen Erwartungshaltung kann man ja eigentlich nur scheitern. Nichtsdestotrotz hat die Aufgabe großen Spaß gemacht. Und ich war dort genau richtig - nicht zuletzt aufgrund meiner privaten Prägung mit einer binationalen Familie insbesondere auch beim Thema Integration."

Die Nominierung als OB-Kandidat: "Erst ganz zum Schluss, als Franz Haug für sich die Entscheidung getroffen hatte, nicht noch für eine dritte Amtszeit zu kandidieren, hat er mich für seine Nachfolge vorgeschlagen. Das war ein relativ kurzer Entscheidungsprozess. Einem Anruf bei meiner Frau folgte abends der Entschluss der Parteigremien - dann war das so."

Prägende Momente der Amtszeit: "Es waren so viele unterschiedlichste Erlebnisse und Begegnungen (überlegt lange). Ich war beispielsweise tief berührt von der Verleihung der Schärfsten Klinge an Joachim Gauck und Herta Müller (weitere Pause). Ich war der Erste, der nach 70 Jahren zum Jahrestag der Befreiung auf dem Marktplatz in Gouda sprechen durfte. Nach langer Zeit und vielen Gesprächen war dies möglich geworden. Ganz besonders bewegend war der Moment, der Familie Genc die Ehre an den Familiengräbern in Mercimek zu erweisen."

Politische Enttäuschungen: "Die Misserfolge in der Bäderpolitik. An der Stelle hat man Chancen verpasst. Zudem hätte ich mir gewünscht, wenn das Thema Attraktivität und Chancen des Wirtschaftsstandortes Solingen ernster genommen worden wäre. Ich bin der Überzeugung, wir sind in der politischen Entscheidung über die Gewerbeflächen zu kurz gesprungen. Aber die Diskussion wird auf Solingen neu zukommen, da bin ich mir sicher."

Stärkungspakt: "Wir hatten den Auftrag bekommen, rund 45 Millionen Euro einzusparen. Wir sind auf diesem Weg in den Stärkungspakt gekommen, müssen die Bedingungen weiter erfüllen und unser Defizit jedes Jahr verringern. 2010 hatten wir in Solingen absolutes Neuland betreten, als wir den ersten großen Versuch gestartet haben, die Bürger daran zu beteiligen, einen Haushalt zu sanieren. Für diese Öffnung haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten. Der Schuldenabbau ist eine Generationen-Aufgabe und wird auch weiterhin ganz oben auf der Tagesordnung der Stadtpolitik stehen."

Mehrheitsverhältnisse im Rat: "Die Situation, dass der Oberbürgermeister im Rat keine Mehrheit hat, ist ein Phänomen, das etwa jede fünf Stadt in Nordrhein-Westfalen hat. Das Bündnis ist ja bewusst so gebildet worden mit einer Mehrheit gegen den Oberbürgermeister (lacht). Das hat fünf Jahre gehalten, ob es mir gepasst hat oder nicht. Es war eine außerordentlich schwierige Situation, die zum ersten Mal in Solingen so aufgetreten ist. Das hat die Amtszeit genauso strapaziös gemacht wie die sechsjährige Unterbesetzung im Verwaltungsvorstand."

Städtepartnerschaften: "Ich hatte das Glück, dass es in meiner Amtszeit viele Jubiläen gegeben hat. So habe ich als erster OB alle Städte bereisen und besuchen dürfen, mit denen Solingen eine Partnerschaft oder Freundschaft pflegt. Diese freundschaftlichen Verbindungen waren mir wichtig."

Die Last des Amtes: "Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich jetzt nicht erleichtert wäre, die Probleme hinter mir lassen zu können. Ich habe es im Kreis der Familie ja bewusst so für mich entschieden. Zuhause hatten wir irgendwann das Gefühl, zwischen Familiärem und Beruf gibt es keinen Schutzraum mehr. Auf diese Belastung hatte mich keiner vorbereitet."

Das letzte OB-Jahr: "Man geht mit der gesammelten Erfahrung aus so einem Amt raus, anders als man hinein geht. Und zum anderen war ich nach dem Entschluss innerlich gelassener und freier, auch weil ich nicht mehr taktieren musste. Es sind seitdem einige Schranken verschwunden."

Der neue Job: "Die Berufsorientierung hat in Bonn nicht mehr die gleiche dominante Stellung wie jetzt. Es darf gerne auch eine Spur ruhiger werden."

Quelle: RP
 
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