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Solingen
Fall Hanaa S.: Zweifel an Zeugenaussagen bei Polizei

Solingen. Ungewöhnlich früh schloss der Vorsitzende Richter Thomas Bittner gestern die Sitzung im Mordprozess um die verschwundene Irakerin Hanaa S. Zuvor hatten diverse Mammut-Verhandlungstage das Sitzfleisch der Beteiligten arg strapaziert. Weiterhin erweist sich das Verfahren als kompliziertes Puzzlespiel um Indizien. Eine Ermittlungsbeamtin schilderte gestern erneut die Vernehmung eines Taxifahrers. Der will von einem der Angeklagten den Auftrag erhalten haben, das mutmaßliche Mordopfer zu beschatten. Gegenüber de Polizei habe der Zeuge sogar angegeben, am möglichen Mordtag vor dem Haus der 35-Jährigen gestanden und auf sie gewartet zu haben. Mit einer SMS habe er seinem Auftraggeber die Ankunft der Frau signalisiert. Daraufhin seien ihr Schwager und ihr ältester Sohn in dunkler Bekleidung aus einem weißen Lieferwagen gestiegen und hätten das Mehrfamilienhaus an der Hasseldelle, in dem Hanaa S. nach der Trennung von ihrem Ehemann eingezogen war, betreten.

Eine Nachbarin hatte an einem früheren Verhandlungstag ebenfalls von einem weißen Lieferwagen berichtet, mit dem zwei Männer einen eingerollten, offenbar sehr schweren Teppich transportiert hätten. Der Taxifahrer erklärte laut Protokoll den Polizeibeamten, er selbst habe den Ort des Geschehens wegen eines anderen Termins verlassen. Die Ermittlerin bezeichnete seine Aussagen als glaubhaft. Der Zeuge habe einen aufgewühlten Eindruck gemacht. Er habe sich zwar versichern lassen, dass es bei der Beschattung um "nichts Schlimmes" gehe, den Kontakt zu seinen Auftraggebern aber letztlich aus Angst abgebrochen. Wegen seiner Beteiligung an einem möglichen Verbrechen stufte die Polizei ihn nach den ersten Vernehmungen nicht mehr nur als Zeugen, sondern als Beschuldigten ein. Vor Gericht hüllte sich der Mann später in Schweigen. Die Verteidiger der im Mordprozess Angeklagten äußerten erhebliche Zweifel daran, dass die Polizei den Taxifahrer im Vorfeld der Vernehmung ordnungsgemäß belehrt habe, und beantragte, die Zeugenaussage der Ermittlerin im Prozess nicht zu verwerten. Eine Entscheidung darüber wird die Kammer wohl am nächsten Verhandlungstag verkünden. Gegen einen weiteren geladenen Zeugen verhängte das Gericht ein Ordnungsgeld. Der Mann war im vergangenen Herbst bei der Wuppertaler Polizei aufgetaucht, hatte seine Unterstützung bei den Ermittlungen zugesagt und darum gebeten, einen der Angeklagten in der Untersuchungshaft besuchen zu können. Dem Gericht blieb er unentschuldigt fern. Welches Motiv womöglich hinter seiner Kontaktaufnahme mit den Ermittlern steckt, ist unklar.

Im April 2015 war die Jesidin Hanaa S. spurlos verschwunden. Ihr Ehemann, den sie verlassen hatte, drei seiner Verwandten und ihr ältester Sohn müssen sich wegen Mordes verantworten. Sie sollen den Tod der Frau beschlossen haben, um die Familienehre wiederherzustellen. Das Verfahren wird fortgesetzt. Ein Ende ist weiter nicht in Sicht: Termine sind vorsorglich sogar bis Mai kommenden Jahres angesetzt.

(rdl)
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