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Rita Pickardt
Familientag fällt im nächsten Jahr aus

Solingen. 2017 wird es zum ersten Mal keinen Familientag für Behinderte und Nichtbehinderte geben. Rita Pickardt, die Vorsitzende des Fördervereins, erläutert die Hintergründe und berichtet über Reaktionen auf die nun erfolgte Absage der Veranstaltung.

Der Familientag für Behinderte und Nichtbehinderte hat eine 25-jährige Tradition. Wie ist er entstanden?

Pickardt Das war ein Kind von meinem Mann Hans-Jochen und mir. Wir sind auf die Idee gekommen, als wir ein Sommerfest in der Heimstatt Adolf Kolping besuchten. Wir haben uns gefragt, warum es ein Fest nur für Behinderte war. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft. Zu dem Zeitpunkt war Inklusion noch völlig unterentwickelt. Als wir die Idee vorstellten, hieß es: Rita, mach doch mal. Zusammen mit der Kolpingfamilie haben wir begonnen.

Die ersten Familientage haben Sie dann in der Heimstatt durchgeführt.

Pickardt Am Anfang waren es 22 Verbände und Vereine, die sich beteiligten. Dabei habe ich Wert darauf gelegt, dass es keine politische Veranstaltung war. Als sich die Teilnehmerzahl gesteigert hat - heute sind wir bei über 80 - , sind wir ins Schulzentrum Vogelsang und schließlich ins Industriemuseum gezogen, das wir kostenlos nutzen konnten. Zuletzt kamen zwischen 3000 und 3500 Besucher. Das Flair im Museum, das Ganze Drum und Dran, ist richtig toll.

Im Jahr 2017 setzen Sie aber aus. Warum?

Pickardt Im Organisationsteam sitzen Vertreter von drei Wohlfahrtsverbände und dem LVR-Industriemuseum mit einigen wenigen Ehrenamtlichen an einem Tisch. Die Wohlfahrtsverbände wollen den Tag nicht alleine organisieren, und für die Ehrenamtlichen ist die Arbeit kaum noch zu schaffen. Ich will nicht jammern: Wir haben erreicht, was wir erreichen wollten. Heute gibt es andere Gesetze und eine andere Akzeptanz in der Bevölkerung. Zudem war es eine richtig schöne Zeit, ich habe es unheimlich gerne und aus Überzeugung getan. Die Stunden habe ich nie gezählt, aber in diesem Jahr waren es - gefühlt - besonders viele.

Die Auflagen wurden auch höher.

Pickardt Wir hatten immer mehr Dinge zu beachten. Wir mussten beispielsweise lebensmittelechte Schläuche anschaffen, obwohl das Wasser nur zum Händewaschen gebraucht wurde. 1200 Euro kostete der "Spuckschutz", die Plastikwände vor den Essensständen. Die Versicherung wurde immer teurer, und die Verkehrskadetten schlugen mit 300 bis 350 Euro zu Buch.

Trotzdem haben Sie es immer geschafft, Geld für Spenden zusammenzubekommen.

Pickardt Die Künstler sind umsonst aufgetreten, und was an den Ständen erlöst wurde, kam zu mindestens 50 Prozent in den Spendentopf. Auch die Schirmherren haben immer gespendet. Zusammen waren das über die Jahre rund 150.000 Euro. Damit machten wir es zusammen möglich, dass vielen Menschen mit einer Behinderung geholfen wurde - dass etwa eine Schreibmaschine mit besonderer Tastatur angeschafft werden konnte oder ein Jogging-Anzug für eine Reha-Maßnahme. Der Fall einer jungen Familie, die ihr zweijähriges Kind verloren hatte, ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Wir haben mit dafür gesorgt, dass es eine würdige Beerdigung wurde.

Die Einnahmen werden 2017 fehlen.

Pickardt Gerade deshalb sind Spenden 2017 sehr willkommen. Außerdem bleibt der Förderverein ja bestehen. Vielleicht können wir etwas in einem kleineren Rahmen machen. Uns ist immer etwas eingefallen.

Gab es eine Reaktion der Stadt?

Pickardt Bisher haben mehrere Teilnehmer unseren Schritt bedauert, aber auch mitgeteilt, dass sie ihn verstehen können. Von der Stadt hat sich niemand bei mir gemeldet, obwohl Oberbürgermeister Tim Kurzbach den Behindertentag mehr als gut kennt.

Gibt es Stadtverwaltungen, die ähnliche Veranstaltungen durchführen?

Pickardt Meines Wissens nach richtet Xanten einen sogenannten Tag der Begegnung aus.

Wie viel Zeit können Sie sich jetzt für Ihr eigenes Leben gönnen?

Pickardt Mein Mann und ich, der immer noch viele Stunden für den Sozialdienst des DRK im Einsatz ist, wollen uns erst mal ein bisschen erholen. Wir waren beispielsweise gerade einige Tage in Lübeck, machen gerne Urlaub an der See. Ich bleibe aber weiter aktiv, politisch unter anderem im Sozial- und im Hauptausschuss, außerdem bei der Altenstiftung der Stadt-Sparkasse und bei der evangelischen Altenhilfe Wald.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE FRED-LOTHAR MELCHIOR.

Quelle: RP
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