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Ungeklärte Verbrechen im TV
Fernsehjagd nach Solinger Mördern

Ungeklärte Verbrechen im TV: Fernsehjagd nach Solinger Mördern
Zwei Solinger Fälle, die in den zurückliegenden Jahren ausgestrahlt wurden: In der März-Sendung 2016 griffen Moderator Rudi Cerne und die Polizei das Verschwinden der später ermordet aufgefundenen Hanaa S. auf (oben). Von Annett Carolin Kaiser (Mai-Sendung 2016) fehlt hingegen bis heute jede Spur. FOTO: ZDF
Solingen. Heute vor 50 Jahren ging das ZDF-Format "Aktenzeichen XY... ungelöst" erstmals auf Sendung. Seitdem wurden auch immer wieder Fälle aus der Klingenstadt ausgestrahlt. Der erste geklärte Mordfall ereignete sich 1968 in Solingen. Von Martin Oberpriller

Die Festnahme des Täters erfolgte nur zwölf Stunden nach der Sendung. Im März 1968 war der Solinger Verleger Bernhard Boll brutal ermordet worden. Die Polizei versuchte alles, den Fall aufzuklären. Doch sämtliche Spuren verliefen zunächst im Sande, so dass sich die Fahnder schließlich an das damals noch ziemlich neue ZDF-Format "Aktenzeichen XY... ungelöst" wandten.

Am 7. Juni 1968 bat Moderator Eduard Zimmermann die Fernsehzuschauer um Mithilfe, um den Mörder endlich zu fassen. Und tatsächlich ging der Täter, der später zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, der Polizei schon kurz nach Ausstrahlung der Sendung aufgrund einer geraubten Uhr ins Netz.

Es war der erste Mord, der durch "Aktenzeichen XY" aufgeklärt wurde. Am heutigen Freitag vor genau 50 Jahren feierte die TV-Reihe, die im Laufe der Jahrzehnte bei vielen Zuschauern längst Kultstatus erlangt hat, Premiere im ZDF. Immer wieder gelang es der Polizei seitdem, selbst vollkommen aussichtslos erscheinende Fälle doch noch zu lösen. Und auch Solinger Ermittler entschieden sich bereits mehrfach für diese Form der Öffentlichkeitsfahndung.

Wie etwa vor einigen Jahren im Fall der spurlos verschwundenen Annett Carolin Kaiser aus Solingen. Die Frau war im Spätsommer 2011 von einer Spanien-Reise nicht zurückgekehrt, was dazu führte, dass die Polizei 2016 - also fünf Jahre nach dem letzten Lebenszeichen der Vermissten - mit einem XY-Film versuchte, doch noch Licht ins Dunkel zu bringen.

FOTO: ZDF

Vergeblich, wie sich zeigen sollte. Annett Carolin Kaiser und ihr markanter blauer Ford-Transit blieben bis heute verschwunden. Wobei gerade der Fall der Solingerin typisch erscheint. "Wir greifen nur dann auf die Sendung zurück, wenn alle anderen Spuren nichts ergeben haben", sagt ein Sprecher des unter anderem für die Klingenstadt zuständigen Polizeipräsidiums Wuppertal. Im Klartext: "Aktenzeichen XY... ungelöst" ist fast immer so etwas wie ein letzter Strohhalm für die Ermittler.

Ein Umstand, der sowohl der Polizei, als auch den Machern der Sendung bewusst ist. So müssten die Fahnder " alle anderen Möglichkeiten, den Täter zu ermitteln, ausgeschöpft" haben, heißt es beispielsweise beim ZDF, derweil die Polizei ihrerseits nur ansonsten "ausermittelte" Fälle für eine Ausstrahlung aussucht.

Ein Scheitern des TV-Ansatzes ist also von Beginn an "eingepreist". So gingen in der Sache Kaiser nach der ZDF-Sendung zwar 35 neue Hinweise ein. "Und darunter waren auch solche, die wir vorher noch nicht hatten", erinnert sich der Polizeisprecher. Aber der entscheidende Tipp war nicht dabei, so dass die Akte der verschwundenen Frau nach wie vor nicht geschlossen werden konnte.

In Fall Hanaa S. wiederum, der mutmaßlich von der eigenen Familie umgebrachten dreifachen Mutter aus Solingen, kam der Durchbruch ebenfalls nicht nach der Sendung, sondern erst, als einer der Verwandten vor Gericht auspackte. Was die Polizei indes nicht daran hindert, auch zukünftig aufs Fernsehen zu setzen, wenn weder die Tatortfahndung, noch die anschließende Schreibtischarbeit die Beamten weitergeführt hat.

Wie bei jeder Öffentlichkeitsfahndung bedarf es eines richterlichen Beschlusses - woraus ersichtlich wird, wie hoch die Hürden für eine TV-Austrahlung sind. Trotzdem ist die Sendung längst ein Mittel der Ermittlungen geworden, das immer mal wieder den Durchbruch bringen kann. Wie im ersten Solinger Fall vor knapp 50 Jahren.

Quelle: RP
 
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