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Solingen
Feuerwehr rettet Leben per Telefon

Solingen. Die Leitstelle Solingen/Wuppertal arbeitet mit einem Notfallsystem, das Angehörigen von Patienten hilft, noch vor Eintreffen des Notarztes lebensrettende Maßnahmen einzuleiten. Allein 2015 wurden so 17 Menschen gerettet. Von Martin Oberpriller

Der 2. Juli des vergangenen Jahres, ein Donnerstag, war ein heißer Tag gewesen. Und wohl auch deshalb setzte sich Klara Müller, als sie vom Einkaufen nach Hause zurückgekommen war, zunächst einmal an den Tisch in ihrer Küche. Doch mit Gewissheit kann die 58-Jährige das heute nicht mehr sagen. Denn der Tag, der das Leben der Wuppertalerin mit einem Schlag verändern sollte und der inzwischen zu so etwas wie einem zweiten Geburtstag geworden ist - dieser Tag ist vollständig aus ihrem Gedächtnis verschwunden.

An jenem 2. Juli 2015 erlitt Klara Müller einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Direkt nachdem sie in der Küche Platz genommen hatte, brach sie zusammen. Die Atmung setzte aus, es bestand akute Lebensgefahr, jede Sekunde zählte - und Klara Müller konnte damals nur durch ein neues Notfallprogramm gerettet werden, das seit nunmehr rund drei Jahren in der gemeinsamen Leitstelle der Feuerwehren Solingen und Wuppertal zum Einsatz kommt.

Gestern zogen die Verantwortlichen der Feuerwehren eine erste Bilanz dieser sogenannten Telefon-Reanimation, bei der Angehörige oder andere medizinische Laien unter Anleitung eines Leitstellen-Disponenten bis zum Eintreffen eines Notarztes Erste Hilfe leisten. Eine Bilanz, die durch und durch positiv ausfiel. Denn allein im zurückliegenden Jahr gelang es den Mitarbeitern der Feuerwehr auf diese Weise, neben Klara Müller 16 weiteren Menschen so zu helfen, dass die Patienten nach einem Herzstillstand weiter ein Leben wie zuvor führen können.

"Wir gehören zu den ersten Leitstellen in der gesamten Bundesrepublik, die das neue System eingeführt haben", sagte Wuppertals Feuerwehrchef Ulrich Zander. Und fügte bei der Präsentation des bergischen Modells in der Hauptwache der Nachbarstadt nicht ohne Stolz hinzu, die hiesige Leitstelle gelte mit ihrem System, das insgesamt etwas über 200.000 Euro gekostet habe, vielen weiteren Feuerwehren inzwischen als Vorbild in Sachen Lebensrettung.

Dabei war es aber auch in Solingen und Wuppertal zunächst einmal nötig, die Voraussetzungen für eine effektive Hilfe per Telefon zu schaffen. Denn sobald ein Notruf in der Leitstelle eingeht, müssen die Disponenten so schnell wie irgend möglich herausfinden, wie bedrohlich die Situation ist.

Keine einfache Aufgabe, stehen die meisten Anrufer doch unter Schock und sind in heller Panik. Aus diesem Grund entwickelten die Feuerwehrleute in einem ersten Schritt eine "strukturierte Notfallabfrage", die bei jedem Alarm auf den Computerbildschirmen der Leitstelle auftaucht und Punkt für Punkt abgearbeitet wird. Bewegt sich die Person? Kann der Anrufer mit dem Patienten sprechen? Und vor allem: Ist die Atmung noch normal?

Lauten alle drei Antworten nein, muss in der Tat alles ganz schnell gehen. Praktisch zeitgleich setzt der Disponent einen Notarzt in Bewegung und leitet den Anrufer am anderen Ende der Leitung an, was bis zum Eintreffen der Retter zu tun ist. Schließlich entscheiden die ersten drei bis fünf Minuten nach einem Kreislaufstillstand oftmals über Leben und Tod. Nur wenn das Gehirn in dieser Zeit irgendwann wieder mit Sauerstoff versorgt wird, besteht die Chance, dass bleibende Schäden bei den Patienten vermieden werden.

So wie auch im Fall von Klara Müller. Als an jenem Unglückstag im vergangenen Sommer der Anruf des verzweifelten Ehemannes der Wuppertalerin über die 112 in der Leitstelle einging, hatte gerade Disponent Torsten Sagorski Dienst. Der erfahrene Feuerwehrmann wurde seinerzeit zu einer Art Psychologe und Lebensretter in einer Person. Schritt für Schritt ging Sagorski die Liste auf seinem Monitor durch. So beruhigte er den Anrufer zunächst und sorgte auf diese Weise beispielsweise dafür, dass der Mann sein Telefon auf Lautsprecher stellte. Denn nur dadurch hatte der Ehemann beide Hände frei - und konnte die am Ende lebensrettende Herzmuskelmassage bei seiner Frau durchführen.

Dadurch wurden damals entscheidende Minuten gewonnen. Kurze Zeit später trafen der Notarzt sowie die Sanitäter bei den Müllers ein, übernahmen die Patientin und brachten Klara Müller schließlich in ein Krankenhaus, wo die Wuppertalerin in den Wochen danach wieder vollständig gesund wurde. So gesund, dass die 58-Jährige gestern ihren Rettern noch einmal danken konnte. Eine Erinnerung habe sie zwar nicht an die Männer, betonte Klara Müller - um sofort nachzuschieben: "Ich bin einfach nur froh, dass die Jungs nach meinem Herzstillstand so schnell zur Stelle waren und mir geholfen haben."

Quelle: RP
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