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Solingen
Flüchtlinge als Chance für schrumpfende Städte

Solingen. Im Clemenssaal berichtete der Oberbürgermeister von Goslar, Dr. Oliver Junk, über die Flüchtlingspolitik der Mittelstadt am Rande des Harzes. Von Benjamin Dresen

Dr. Oliver Junk hat einen innovativen Ansatz zum Umgang mit Flüchtlingen entwickelt: Für den CDU-Oberbürgermeister von Goslar sind sie kein Problem, sondern eine Chance für seine Stadt. In den Clemenssaal eingeladen hatten der DGB-Stadtverband und das katholische Bildungswerk unter dem Titel: "Deutschland schafft sich nicht ab, sondern baut sich um". Goslar im Vorharz liegt den Solingern offenbar eher fern. Anders ist nicht zu erklären, warum der Vortrag nur einige wenige Zuhörer fand.

Oliver Junk hat bereits vor mehr als eineinhalb Jahren die Zuwanderung von Flüchtlingen als Chance für seine Stadt begriffen. Diese steht demografisch vor gravierenden Problemen: Im Jahrzehnt zwischen 2002 und 2012 verlor Goslar 4000 Einwohner, aktuell leben dort noch 50.000 Menschen. Die für einst 65.000 Einwohner ausgelegt Infrastruktur - Nahverkehr, Schulen, Schwimmbäder - bringt den Haushalt zwangsläufig in Schieflage, zum anderen sinken mit der Bevölkerungszahl die Finanzausgleichszahlungen des Bundes. "Aber wie schrumpft man Infrastruktur?", fragt Junk. Er setzt statt Schließungen und Einsparungen lieber darauf, die Einwohnerzahl stabil zu halten - durch die Aufnahme von Flüchtlingen.

Auch könnte die Ansiedlung von Flüchtlingen ein Standortfaktor für die Wirtschaft sein. Immerhin kann Goslar 23.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze vorweisen. "Die Unternehmer fragen mich: Wo sollen die Mitarbeiter herkommen?", berichtet Junk. Diese machten ihre Investitionsentscheidungen davon abhängig, ob sie in Zukunft mit Personal rechnen können. Dabei geht es nicht nur um die sogenannten Fachkräfte, sondern auch um geringer qualifizierte Tätigkeiten. "Jeder, der da kommt, ist ein hungriger, ehrgeiziger und motivierter Mensch", zeigt sich Junk optimistisch.

Er sieht die Aufnahme von Flüchtlingen auch als Mittel gegen Wohnungsleerstand. Während die niedersächsischen Großstädte nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel viel mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen und vor Problemen stehen, stehen in Goslar Wohnungen leer. Dies betrifft auch die berühmten Fachwerkhäuser der UNESCO-Welterbestadt. "Denkmal erhält man durch Nutzung", weiß Oliver Junk. "Wir haben im letzten Jahr 1000 Flüchtlinge untergebracht, und wenn dieses Jahr noch mal 1000 kommen, ist das auch kein Problem."

"Unterbringung ist unser geringstes Problem", betont Junk. Deutschland sei als reiches Land in der glücklichen Situation, niemandem wegen der Aufnahme von Flüchtlingen etwas wegnehmen zu müssen. "Was mich unruhig macht, ist, dass mit den Menschen, die hier sind, monatelang nichts passiert." Es gelte, die Hürden abzubauen, die verhindern, dass Flüchtlinge arbeiten können.

Quelle: RP
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