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Solingen
Genç macht Täter verantwortlich, aber nicht die Gesellschaft

Solingen. Die Redner bei der Veranstaltung zum Brandanschlag von 1993 lobten Solinger Initiativen und warnten vor erstarkten rechten Parteien. Von Alexander Riedel

Es sollte um mehr als "nur" das Gedenken an eines der dunkelsten Kapitel der Solinger Nachkriegsgeschichte gehen: Unter dem Titel "Angriffe auf die Einwanderungsgesellschaft - was uns Solingen heute lehrt" hatten die Landeszentrale für politische Bildung und der Landesintegrationsrat NRW gestern ins Theater und Konzerthaus eingeladen. Die Gastredner spannten den Bogen vom Solinger Brandanschlag 1993 bis in die Gegenwart und diskutierten über Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit. Maria Springenberg-Eich von der Landeszentrale für politische Bildung warnte, die Wahlerfolge der rechtspopulistischen AfD würden das gesellschaftliche Klima ebenso verändern wie die Aktivitäten der Organisation Pegida. Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) mahnte, die Politik müsse Ängste in der Bevölkerung ernster nehmen. Kooperationspartner der Veranstaltung waren Stadt und Integrationsrat.

Am 29. Mai jährte sich der durch Neonazis verübte Brandanschlag auf das Wohnhaus der Familie Genç, bei dem im Jahr 1993 fünf türkischstämmige Menschen getötet worden waren. In den frühen 1990er Jahren hatte eine Welle fremdenfeindlicher Taten im Zusammenhang mit der damaligen Asyldebatte die gerade wiedervereinte Bundesrepublik erschüttert.

Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates NRW, kritisierte in diesem Zusammenhang ebenfalls die Politik, die es damals versäumt habe, klare Willkommenssignale an Migranten auszusenden. Auch Mevlüde Genç, die beim Brandanschlag Töchter, Enkelinnen und eine Nichte verloren hatte, kam auf der Veranstaltung zu Wort: "Unsere Herzen sollten mit Liebe erfüllt sein, nicht mit Hass", warb sie um Verständigung zwischen den Völkern. Ihre Abneigung gelte ausschließlich den Tätern, aber nicht der Gesellschaft, betonte sie. Vielmehr stellte die 73-Jährige klar: "Derartige Übergriffe könnten in jedem Land passieren." Deutschland, dessen Staatsbürgerschaft sie seit 1995 besitzt, sei auch ihr Land geworden: "Wir sind vor 45 Jahren nur mit einem Koffer hergekommen, nun habe ich hier Kinder und Enkelkinder." Mit den jüngsten Familienmitgliedern spreche sie aber von sich aus nicht über die Ereignisse aus dem Jahr 1993: "Sie sollen frei davon aufwachsen." Dank zollte Genç den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern in Solingen: "Es ist gut, dass die Gesellschaft Türen öffnet."

Quelle: RP
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