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Solingen
Glückliche Tage: In Gottes absurdem Versuchslabor

Solingen. Die Sinnlosigkeit kommt mit strahlendem Gesicht daher. Rote Lippen lächeln, die blonde Frisur sitzt perfekt. Perlenkette, Hütchen und grünes Kleid verbreiten den Charme der 50er Jahre. "Wie im alten Stil", sagt Winnie. Sie sagt es immer wieder, wie ein Mantra. Genauso wie das "Es wird wieder ein glücklicher Tag." Redet sich Winnie die Trostlosigkeit der Lage schön, überspielt sie die Sinnlosigkeit. Oder glaubt sie doch an ein Gelingen des Lebens? Das hört sich absurd an. Und das ist es auch. Am Donnerstagabend hatte "Glückliche Tage" von Samuel Beckett in der Inszenierung von Michael Tesch mit dem Ensemble Profan im Theater Premiere. Von Jan Crummenerl

Sphärenartige Klänge bestimmen den Raum, bevor sich der Vorhang öffnet, und vermitteln gleich den Eindruck des Unwirklichen. Zwei gegeneinander versetzte gelbe Keile bilden das Bühnenbild: wie stilisierte Sanddünnen oder umgefallene Stücke einer Käsetorte. In einer steckt Winnie bis zur Hüfte gefangen, hantiert mit Spiegel, Lippenstift, Brille oder Zahnbürste, die sie aus einem großen Sack zieht. Der Sack mit seinen Utensilien ist immer da - und wird immer da sein, Tag für Tag. "Es gibt keinen Tag ohne anwachsendes Wissen", verkündet Winnie, lächelt, sinniert, plaudert, monologisiert. Rund 90 Minuten glänzt Renate Kemperdick in dieser Rolle, deren fast völlige Bewegungslosigkeit sie mit Gesten, Körpersprache und vor allem Sprache quicklebendig ausfüllt: Bühnenpräsenz. Fast gruselt es einen ob der guten Laune in dieser ausweglos sinnlosen Situation. Aber wächst das Wissen tatsächlich? Wie um sich kreisend, wiederholen sich Themen und Aussagen.

Ein schrilles Läuten gliedert Winnies Tag, wann sie schlafen darf und wann nicht. Schließt sie die Augen, hämmert sie die Glocke wieder ins Wachsein. Nur wenn sie zum Beten die Augen schließt, bleibt sie stumm. "Vielleicht ist das Beten nicht umsonst", verkündet die von Renate Kemperdick fast puppenhaft angelegte Winnie. "Keine Schmerzen, fast keine, da geht nichts drüber", ist fast schon Lebenssinn. Also: "Immer weiter, Winnie." Aber es gibt kein wohin. Da ist noch Winnies Ehemann Willie. Der lebt fast unsichtbar zwischen den Keilen. Wenn er auftaucht, sitzt er mit dem Rücken zum Publikum, setzt sich ein Taschentuch und einen Strohhut auf den Kopf. Einsilbig ist er, liest immer dieselben Fetzen aus der Zeitung. "Armer Willie. Kein Interesse mehr am Leben." Ein echter Dialog kommt nicht zustande. Markus Henning gibt den Willie so trostlos, wie sein Unterhemd aussieht, so innerlich abgeschottet, wie er sich äußerlich mit Tuch und Hut vor der Sonne schützt. Absurd erschütternd sein Versuch, ganz am Schluss die Rampe zu Winnie mit letzter Kraft emporzukriechen.

Im zweiten Akt schaut nur noch Winnies Kopf heraus. Kemperdick spielt die Winnie, als wäre alles beim alten geblieben. Becketts partiturgenau geschriebenes Stück wird intensiv auf die Bühne gebracht. Fast wirkt die Bühne wie ein Versuchslabor Gottes, der seine Kreaturen beobachtet und die Zeit nur durch das Schellen von außen gliedert. Ein Impuls von Seiten eines unsichtbaren Laboranten ?

Quelle: RP
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