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Serie Traditionsberufe (6)
Gut gepolstert durch die Jahrhunderte

Serie Traditionsberufe (6): Gut gepolstert durch die Jahrhunderte
Bei dem alten Handwerk, das Polsterer Wolfgang Erber und Raumausstattermeister Frank Dembny (r.) beherrschen, kommen auch moderne Materialien zum Einsatz. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Wolfgang Erber ist Spezialist im Raumausstatter-Betrieb von Obermeister Frank Dembny. Er arbeitet antike Polstermöbel ebenso auf wie moderne Sofas. Von Fred Lothar Melchior

Manchmal fährt der Beruf mit in Urlaub. Dann wird Wolfgang Erber von anderen Motorradfahrern auf seine besondere Sitzbank angesprochen. "Ich liebe Leder und das Verarbeiten von Leder", sagt der Polsterer. "In dem Bereich habe ich mich immer weitergebildet und das Wissen auch privat genutzt." Den anderen Motorradfahrern gefallen die umgebauten Sitzbänke. Erber: "Aus den Ferien bringe ich immer einen Auftrag mit."

300 bis 500 Euro lassen sich Harley-Fahrer und andere - meistens im reiferen Alter - beispielsweise eine Sitzbank aus Wasserbüffelleder kosten. "Wir arbeiten auch für bekannte Motorradhäuser in Solingen und passen Sitze an die Körpergröße der Fahrer an", erläutert der 53-Jährige. "Den Bereich haben wir aber nie forciert. Im Regelfall sind es ein bis zwei Aufträge pro Monat."

Das Gros der Kunden, die Raumausstattermeister Frank Dembny und sein Team betreuen, denkt eher an die eigenen vier Wände als an einen Nobelhobel. "Im Regelfall arbeiten wir liebgewonnene und hochwertige Möbel auf", beschreibt der 59-jährige Obermeister der Solinger Innung das Tagesgeschäft. "Da gehen die Summen gelegentlich schon tief in den vierstelligen Bereich." Etwa bei einem Louis-Philipp-Sofa aus dem 19. Jahrhundert. "Das kam in einem total desolaten Zustand aus dem Nachlass eines Fabrikanten zu uns", erinnert sich Geselle Wolfgang Erber. "Wir haben es in rund 100 Stunden wieder instandgesetzt."

In "akribischer Kleinarbeit" wurde unter anderem das fehlende Bein ersetzt, das Holz, das bei einem Wasserschaden gelitten hatte, wurde von Hand lasiert, der Bezug erneuert. Dembny: "Wir haben einen ausgefallenen Stoff mit Metallanteil aus den USA verwendet - allerdings im klassischen Design." Heute steht das Schmuckstück in einem Herrenzimmer.

In der Werkstatt an der Beethovenstraße, dem früheren Sitz des Möbelhauses Dembny, warten aber auch moderne Designmöbel namhafter Hersteller auf die Verjüngungskur. "Wir können schreinern, wir können lackieren, wir können polstern", sagen Dembny und Erbe. Das Rüstzeug holten sie sich in der Lehre: Beide lernten bei der Stilpolstermöbel-Fabrik Orchidee an der Altenhofer Straße, die später zudem Hotelausstattungen lieferte. Dort ging es neben dem Polstern auch um die Fertigung von Gestellen sowie um Gardinen und Teppiche. Bis auf das Schreinern ist damit auch das Aufgabengebiet des Raumausstatters von heute umrissen. Rund 20, davon etwa die Hälfte Frauen, hat Frank Dembny bisher ausgebildet. Zwei Lehrlinge sind es zurzeit. Sie lernen auch, wie Sicht- sowie Sonnenschutz hergestellt und eine Wand mit Stoff bekleidet wird. "In Süddeutschland gehört zum Berufsbild außerdem das Tapezieren", erläutert der Obermeister. "Der Job ist, etwa bei Bodenbelägen und Markisen, körperlich anspruchsvoll. Fitness sollte ein Auszubildender auf jeden Fall mitbringen." Nicht alle bleiben dem Beruf treu. Dembny: "Einige nehmen die Ausbildung nur als Sprungbrett, schließen beispielsweise ein Innenarchitektur-Studium an." "Ich habe Freude daran, am Ende des Tages zu sehen, was ich gemacht habe", beschreibt Wolfgang Erber seine anhaltende Begeisterung für den Beruf. Und Frank Dembny, der ursprünglich - wie sein Vater und sein Bruder - Schreiner werden wollte, betont: "Ich mache meine Arbeit bis heute sehr gerne." Auch deshalb, weil es immer wieder Neues gibt. "Schaumstoffe etwa haben sich weiterentwickelt", nennt Erber ein Beispiel. "Es gibt neue Klebe- und Verfahrenstechniken. Die Abneigung gegen Schaumstoffe ist nicht mehr berechtigt. Einige moderne Materialien sind definitiv besser als die meisten Naturprodukte." Denn deren Lebensdauer sei nicht nur begrenzt, sie könnten auch Allergien auslösen - wegen der Behandlung gegen Schädlinge. "Trotzdem beherrschen wir die alten Techniken immer noch aus dem Effeff", betont Erber. "Die Arbeit mit Kokos, Rosshaar und dem Palmfaserprodukt Afrik ist aber inzwischen zur Nische geworden."

Geändert hat sich auch der Arbeitsanfall. Früher habe es einen Run vor Weihnachten und Ostern gegeben, blicken Dembny und Erber zurück. Heute sei die Werkstatt, speziell die Polsterei, das ganze Jahr über gut ausgelastet. Die Kunden kommen meistens aus Solingen und angrenzenden Kommunen. "Das Gros von ihnen ist fest etabliert im Berufsleben", sagt der Raumausstattermeister. Aber auch gewerbliche Kunden brauchen Raumausstatter. Dann ist das Team etwa in Arztpraxen oder Krankenhäusern im Einsatz. Polsterer, ergänzt Erber, würden außerdem in der Industrie gebraucht: "Zugeschnitten, angepasst und genäht wird in vielen Bereichen."

Quelle: RP
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