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Ernst-Robert Nouvertné
"Händler sind Blitzableiter im Diesel-Skandal"

Ernst-Robert Nouvertné: "Händler sind Blitzableiter im Diesel-Skandal"
Ernst-Robert Nouvertné erledigt 80 bis 85 Prozent seiner Fahrten mit einem Elektroauto. Er geht aber davon aus, dass Autos mit Verbrennungsmotoren noch lange genutzt werden. FOTO: Stephan Köhlen
Solingen. Ernst-Robert Nouvertné, Ehrenpräsident beim Verband des Kfz-Gewerbes, spricht über das angekratzte Image des Diesel-Autos, Fahrverbote und neue Technologien.

Anfang 2016 sprachen Sie vom "Jahr der Umrüstungen", das nun beginne. 2500 VW, 1200 Audi und 800 bis 900 Skoda müssten in Ihrem Haus nachgebessert werden, hieß es damals. Wie weit sind diese Arbeiten nun fortgeschritten?

Nouvertné Rund 90 Prozent der damals genannten Fahrzeuge sind inzwischen mit einem Update versehen. Die letzten sind dabei die kompliziertesten. Man muss dazu sagen: Es gibt nicht das eine "Update", sondern für jeden Motor ein anderes. Nun hat VW im Zuge des Nationalen Forums Diesel Anfang des Monats zugesagt, nicht nur die Autos der EU-Abgasnorm 5, sondern auch 6 nachzubessern.

Wie viel wird da noch auf Sie zukommen?

Nouvertné Das sind nicht mehr so viele Fahrzeuge - über alle Marken verteilt noch einmal etwa 1000. Sie müssen sehen, dass Volkswagen die 6er ja erst seit den Werksferien des vergangenen Jahres ausliefert. In diesem September bekommen wir die Fahrzeuge der neuen Normen 6 c und d.

Wie erfahren die Kunden von Ihrem "Glück"?

Nouvertné Das kommt darauf an: Wenn das Kraftfahrt-Bundesamt die Rückrufaktion veranlasst hat, informiert der Hersteller die Kunden direkt. Ansonsten übernehmen wir das als Händler. Wenn ein Kunde zu uns an den Counter kommt, sei es wegen einer Inspektion oder Reparatur, eröffnet der Kundendienstmitarbeiter den Auftrag am PC und sieht sofort, ob eine derartige Aktion ansteht.

Wie stehen Sie zu der derzeitigen Diskussion über den tatsächlichen Ertrag dieser Software-Updates - und mögliche unerwünschte Nebenwirkungen?

Nouvertné: Zunächst einmal sind wir als Automobilhändler natürlich das ausführende Organ. Wir machen das, was die Hersteller zur Verfügung stellen. Aus unserer Sicht kann ich sagen: Wir haben beim "Flashen" einiger tausend Autos keine Änderungen im Hinblick auf den Kraftstoffverbrauch oder die Leistung des Fahrzeugs festgestellt - was nicht heißen soll, dass nicht im Einzelfall Probleme auftreten können. Meine persönliche Meinung ist: Wenn man durch die Maßnahme Stickoxide reduzieren kann, ist ein minimaler Mehrverbrauch im Rahmen der Toleranzen vertretbar.

Mussten Sie eigentlich neue Mitarbeiter für die Maßnahmen einstellen?

Nouvertné Bei uns im Audi-Betrieb am Wasserturm nicht. Da sind solche Aktionen Teil des normalen Werkstattablaufs. Im VW-Betrieb am Schlagbaum haben wir zusätzliches Personal eingestellt und auch verstärkt Auszubildende übernommen, um die Wartezeiten für die Kunden zu verkürzen. Die betragen zehn Tage bei den VW-Fahrzeugen, fünf bei Audi. Wir können bei bis zu sechs Autos parallel das Update aufspielen.

Kritikern geht die Ankündigung freiwilliger Software-Updates jedoch nicht weit genug, um mögliche Fahrverbote zu verhindern. Welchen Alternativen sehen Sie?

Nouvertné Von Fahrverboten halte ich nichts. Mit dem SCR-System von Twintec kann man auch Diesel der Abgasnorm 5 auf Euro 6 umrüsten. Das sollte in großem Umfang passieren. Diese Maßnahme kostet 1500 Euro, sorgt aber dafür, dass ein Wagen, der vielleicht erst vor wenigen Jahren gekauft wurde, seinen Wert behält. Bei diesen Umrüstungen der Hardware sollte sich aber die Industrie als Verursacher beteiligen. Man kann nicht immer alles auf den Kunden und den Händler abwälzen.

Apropos Kunden: Welchen Reaktionen auf die gesamte Situation sind Sie eigentlich ausgesetzt?

Nouvertné Als Händler ist man natürlich immer auch ein Blitzableiter, weil die Kunden eben nicht persönlich mit dem Audi-Vorstand sprechen können. So müssen wir Rede und Antwort stehen. Der Beratungsaufwand ist auf jeden Fall deutlich gestiegen.

Welchen Effekt im Hinblick auf das Kaufverhalten haben Sie festgestellt?

Nouvertné Es gibt die Tendenz, dass diejenigen, die viele Kilometer fahren, weiterhin Diesel-Fahrzeuge kaufen, während andere Kunden sich eher umorientieren - weil es sich auch einfach nicht in dem Maße lohnt.

Ist das derzeit schlechte Image des Diesel als Dreckschleuder ein Stück weit ungerecht?

Nouvertné Ja. In der Tat werden diese Fahrzeuge im Zuge des Abgas-Skandals teilweise geradezu verteufelt. Zum Vergleich: Wie kürzlich zu lesen war, stoßen die 16 größten Containerschiffe soviel Stickoxide aus wie 750 Millionen Pkw. Ich denke, dass die Klimaziele im erwünschten Umfang nur mit Diesel-Fahrzeugen zu erreichen sein werden - wegen der im Vergleich zu Benzinern niedrigeren Treibhausgas-Emissionen.

Wie sind Sie persönlich eigentlich mobil?

Nouvertné Als Automobilhändler hat man natürlich sehr viele Möglichkeiten. 80 bis 85 Prozent meiner Fahrten erledige ich innerhalb der Stadt, und dazu nutze ich ein Elektroauto.

Glauben Sie an ein baldiges Ende der Verbrennungsmotoren?

Nouvertné Ich denke, dass wir die noch lange nutzen werden, glaube aber, dass in diesem Bereich noch ein großes Potenzial vorhanden ist, Abgase zu reduzieren - wenn man der Industrie Druck macht. Daneben wird aber auch die E-Mobilität einen Schub bekommen. Vielleicht werden wir bis ins Jahr 2025 die ursprünglich für 2020 angepeilte Million an Elektroautos haben. Auf der diesjährigen IAA (Internationale Automobilausstellung, die Redaktion) werden zum Beispiel Audi und VW eine ganze Reihe solcher Fahrzeuge präsentieren. Wichtig für die Zukunft wird sein, dass diese Autos preiswerter werden und die Reichweite zunimmt.

ALEXANDER RIEDEL FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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