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Solingen
Heimat am Hermann-Löns-Weg

Das sind die Sparvorschläge für Solingen
Das sind die Sparvorschläge für Solingen FOTO: gms
Solingen. Wer wie unser Redakteur Stefan Schneider aus Leichlingen einen Großteil der Glanzzeiten von Union Solingen miterlebt hat, für den wäre der Abriss des Stadions am Hermann-Löns-Weg wie ein Stich ins Fußball-Herz. Sein Appell: Lasst dieses Stück Heimat nicht sterben. Von Stefan Schneider

Ich weiß nicht mehr, ob Jochen Güttes an jenem Tag in der Sprecherkabine des Stadions am Hermann-Löns-Weg am Mikrofon saß und die 6500 Zuschauer mit dem Satz begrüßte, den ich danach bestimmt noch 100 Mal aus seinem Mund hörte, den vom "strahlenden Union-Wetter". Aber in meiner Erinnerung war es tatsächlich ein sonniger Tag, als meine große Liebe begann – die zu Union Solingen.

Im Frühjahr 1978 war das. Und die Mannschaft, die schon bald zu meiner Angebeteten werden sollte, gab sich zunächst wenig Mühe, mich von ihrer Attraktivität zu überzeugen. Das 0:3 gegen Fortuna Köln war jedenfalls nicht dazu angetan, sofort das Herz eines 13-Jährigen zu entflammen, der gerade miterleben durfte, wie sein Lieblingsverein 1. FC Köln in der Fußball-Bundesliga auf dem Weg zum Double war. Und doch: Irgendwie muss der Funke übergesprungen sein.

Die Spieler dicht vor der Nase

Und daran hatte das Stadion einen ordentlichen Anteil. Wenn man unten auf den Stehplätzen unterhalb der Tribüne wie ich knapp hinter dem Zaun stand, dann konnte man die Spieler dicht vor der Nase vorbeihetzen sehen. Man hörte ihre Zurufe, ihre Flüche, die Anweisungen der Trainer.

Das Rund war von prächtigen Kastanienbäumen umstanden. Das hat mir schon damals gefallen. Und dann dieser spezielle Geruch, in dem aus unerfindlichen Gründen immer der Qualm von dicken Altherren-Zigarren dominierte – einfach herrlich. Die Zuschauer strömten aus allen Himmelsrichtungen. Und bei Duellen, die besondere Spannung versprachen, reichte die Kette der geparkten Autos aus Ohligs heraus, die Bonner Straße hinunter bis nach Hackhausen.

Tatsache ist: Ich war entflammt. Wenngleich die Liebe etwas Zeit brauchte. Ende der 70er Jahre radelte ich zunächst nur sporadisch zu den Heimspielen am "HLW", wie das Stadion in Kurzform genannt wird. Da freute ich mich überwiegend zu Hause am Radio, wenn WDR-Sprecher Kurt Brumme verkündete, dass "der Lenz da" war. Denn das bedeutete, dass Unions legendärer Goalgetter Werner Lenz wieder mal ein Tor erzielt hatte. Doch ab der Saison 1980 / 81, als es um die Qualifikation zur eingleisigen Zweiten Liga ging, verpasste ich kein Heimspiel mehr.

Na ja: fast. Im September 1983 war ich verhindert, wegen meiner Abiturfahrt ans Ijsselmeer. Und ich weiß nicht, was überwog, als ich in einer Telefonzelle vom grandiosen 4:0 der Union gegen Schalke 04 erfuhr: die Freude über diesen Triumph oder das Entsetzen, nicht selbst dabei gewesen zu sein. Ende der 70er bis weit in die 80er war die Union mit vielen Mannschaften auf Augenhöhe, die heute zur Elite der deutschen Clubs gehören. Bayer Leverkusen ließ in seiner Aufstiegssaison 1978 / 79 nach neun Siegen hintereinander seinen ersten Punkt – beim 1:1 am "HLW". Hertha BSC Berlin trat geschlagen die Heimreise an (0:1), der 1. FC Nürnberg ebenfalls (1:2), und der SC Freiburg und die Bielefelder Arminia kamen bei der stets für ihre Kampfkraft gefürchteten Union jeweils mit 0:5 unter die Räder. Gegen die Bielefelder machte 1987 der ansonsten eher ungelenke Mittelstürmer Klaus Basten ein umjubeltes Fallrückzieher-Tor gegen Arminia-Keeper Kneib.

Und amüsiert stellte ich gut 20 Jahre später fest, dass sich ein Nutzer des Union-Internet-Forums genau nach diesem Treffer benannt hat – "Bastens Fallrückzieher". Unter den Spielern und Trainern der Gästeteams, die sich in der Klingenstadt vorstellten, waren viele, die später zu den ganz Großen im deutschen Fußball zählten: Rudi Völler kam mit 1860 München, Jogi Löw mit dem SC Freiburg, Otto Rehhagel mit Werder Bremen. Doch die Hupes, Hotic', Jurgeleits, Schäfers und Plückens der Union boten Paroli. Sofern sie nicht die Platzwahl verloren und zuerst auf das Tor Richtung Vogelpark spielen mussten, neben dem früher noch eine Uhr anzeigte, wie weit die Partie fortgeschritten war. Dann wurde es selten etwas mit einem Sieg, und mein Aberglaube bewahrheitete sich fast immer.

Botschafter für die Stadt Solingen

Fest steht: Abgesehen von den Klingen ihrer Stahlindustrie und dem aus Solingen stammenden Bundespräsidenten Walter Scheel hatte die Stadt in dieser Zeit keinen besseren Botschafter, der sie bundesweit bekannt machte, als die Union. Wer jetzt das Stadion abreißen will, beraubt sich der Perspektive, dass es in den nächsten 50 Jahren jemals wieder Profifußball in Solingen geben könnte. Doch für einen echten Fan wäre das gar nicht mal das Schlimmste. Ein Stadionabriss wäre gleichbedeutend mit dem Verlust eines wichtigen Stücks Heimat. Reihenhäuser am "HLW" – der Gedanke ist mir unerträglich. Und wenn's doch soweit kommt ? Dann lasst bitte wenigstens die Kastanienbäume stehen…

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Quelle: RP
 
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