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Solingen
Herberge im Gemeindehaus

Solingen: Herberge im Gemeindehaus
"Es kommt ganz viel zurück", sagen die ehrenamtlichen Helfer der ersten Stunde Eva und Klaus Dahl, Edeltraud Beckering (2.v.r.) und Andreas Röber (r.). Zu der syrischen Flüchtlingsfamilie Biriwan und Abdulqadir Rso mit den Kindern Bahar und Khalil ist ein vertrauensvolles Verhältnis entstanden. FOTO: Martin Kempner
Solingen. An der Corinthstraße, in St. Katharina und in Ketzberg schaffen Kirchengemeinden Platz, um Flüchtlinge aufnehmen zu können. Von Günter Tewes

Der Weihnachtsbaum im Essensraum erstrahlt festlich. "Den", sagt Klaus Dahl, "haben wir gemeinsam geschmückt" - zusammen mit den Flüchtlingen aus Syrien, dem Kosovo oder aus dem Irak. Die Evangelische Kirchengemeinde Wald ist die erste in ganz Deutschland, die ein belegtes Gemeindehaus geräumt hat, um Flüchtlingen eine Herberge zu geben. Vor einem Monat sind die ersten eingezogen.

Für Klaus Dahl und gewiss auch die vielen anderen Ehrenamtlichen, ohne die der Betrieb an der Corinthstraße so nicht funktionieren könnte, bekommt die Weihnachtsgeschichte deshalb in diesem Jahr noch einmal einen ganz neuen Stellenwert. "Wir haben die Menschen hier aufgenommen." Josef und Maria ist es in Bethlehem anders ergangen.

"Das ist allererste Christenpflicht" - als Pfarrer Bernd Reinzhagen ankündigte, das Gemeindehaus zu räumen, um bis zu 59 Flüchtlinge aufnehmen zu können, rückte Wald zusammen. Rasch fand sich ein Kreis Ehrenamtlicher, und im Stadtteil entstand ein Netzwerk aus Verbänden, Vereinen, sozialen Einrichtungen, Schulen, Ärzten und Gemeinden. Klaus Dahl und seine Frau Eva packten sogleich mit an. Auch Edeltraud Beckering und Andreas Röber sind ehrenamtliche Helfer der ersten Stunde. "Wir helfen bei allem, was anfällt. Zu den Flüchtlingen ist ein Vertrauensverhältnis entstanden", sagen sie. "Es kommt ganz viel zurück."

"Inzwischen haben sich die Menschen gut eingelebt. Sie machen immer mehr selber", berichtet Klaus Dahl, während er von einem jungen Mann aus Syrien zur Begrüßung an diesem Tage umarmt wird. Es ist der Vater der kleinen Bahar, die während der Flucht der Familie geboren wurde, kurz bevor sie im April in ein überfülltes Schleuser-Schlauchboot stiegen und nach Griechenland übersetzten.

Die Fluchtgeschichte, es ist nur eine von vielen, macht noch heute betroffen unter den ehrenamtlichen Helfern: "Was die mitgemacht haben, bis die hier angekommen sind." Sei es frühmorgens beim Frühstück, bei der Begleitung der Menschen aus Syrien, dem Kosovo oder dem Irak zu Behörden oder für eine Stunde am Nachmittag, um mit den Kindern Deutsch zu lernen - ehrenamtliche Hilfe ist überall notwendig. Pfarrer Reinzhagen ist froh über die Unterstützung: "Die Ehrenamtlichen machen das mit ganzem Herzen und bringen den NeuSolingern eine Wärme entgegen. Das spüren die Menschen."

Auch das Pfarrheim St. Katharina soll Flüchtlinge beherbergen. "Es ist ein urchristlicher Auftrag, uns um die, die Obdach suchen, zu kümmern." Pfarrer Meinrad Funke hat dies bekräftigt, als die katholische Seelsorgegemeinschaft West nun die Pläne vorgestellt hat, die Räume an der Adolf-Kolping-Straße zur Verfügung zu stellen. Bis die ersten Flüchtlinge einziehen können, sind noch Vorbereitungen zu treffen. Dazu gehören auch Ausweichquartiere für die Veranstaltungen im Pfarrheim von der Krabbelgruppe über Chöre bis zu Seniorentreffs. In St. Katharina ist man indes sehr zuversichtlich, dafür eine neue Herberge zu finden - wegen der guten Kontakte der Gemeinde, etwa zu den Vereinen des Stadtteils, die bereits ihre Hilfe angeboten haben.

Ketzberg hat das ehemalige Gemeindebüro mit viel ehrenamtlicher Hilfe zu einer Wohnung umgebaut. Am Montag ist ein Geschwisterpaar aus dem Irak eingezogen. Als Christen hatten sie fliehen müssen. "Die jungen Frauen", sagt Pfarrer Helmut Benedens, "haben gestrahlt vor Glück, erst einmal eine Heimat gefunden zu haben und zu Hause zu sein." Jetzt können sie Weihnachten feiern.

Quelle: RP
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