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Solingen
Hier fragt keiner nach der Versichertenkarte

Solingen. In die Praxis ohne Grenzen kommen Menschen, die sich oft jahrelang nicht in eine Arztpraxis trauten. Von Annemarie Kister-Preuss

Immer, wenn der Mann vor dem Jobcenter stand, bekam er Schweißausbrüche, Angstzustände und Herzrasen. Ihm war klar: Ich kann da nicht reingehen. Doch mit wem sollte er über seine Probleme sprechen. Krankenversichert war der Arbeitslose, der einmal selbstständig war, schon lange nicht mehr, von den Wartezeiten bei niedergelassenen Psychologen und Therapeuten ganz abgesehen. Vor ein paar Wochen hat der Mann Hilfe gefunden. In der Praxis ohne Grenzen an der Hansastraße unweit des Ohligser Hauptbahnhofes konnte er erstmals über seine Probleme sprechen. 13 Ärzte stehen dort im Wechsel für Menschen bereit, die keine Krankenversicherung haben, auch Fachleute, die sich auf die Seele spezialisiert haben.

Seit der Eröffnung im August haben Initiator Dr. Christoph Zenses und seine Mitstreiter schon vielen Menschen geholfen, vom Kleinkind bis zum Senior. Zweimal hat er in der Praxis ohne Grenzen schon Leben gerettet, ist der Facharzt, der auch das Medimobil und die Medikamententafel in Solingen etabliert hat, sicher. Da war der 53-Jährige mit den katastrophalen Schilddrüsenwerten und dem lebensgefährlich hohen Blutdruck, der über Jahre nicht behandelt wurde, oder die 70-jährige Frau, deren Fuß bereits schwarz war, als sie in die Praxis an der Hansastraße kam. Eine fachgerecht Behandlung mit Medikamenten und ein Klinikaufenthalt im Fall der Frau, der die Zehen amputiert werden mussten, haben die beiden Leben gerettet. Finanziert wird das alles ausschließlich aus Spenden und durch das ehrenamtliche Engagement der Mediziner und Arzthelferin. Viele Spenden hat die Praxis ohne Grenzen in der Vorweihnachtszeit bekommen, und im Januar geht es weiter, wenn der Orchesterverein den Erlös seines bereits seit langer Zeit ausverkauften Neujahrskonzerts an die Praxis spendet.

"Es sind andere Menschen, als jene, die ins Medimobil kommen", hat Christoph Zenses in den ersten Monaten seit Eröffnung der Praxis ohne Grenzen festgestellt, "viele haben Angstzustände, fürchten, sehr krank zu sein, weil sie sich jahrelang nicht zu einem Arzt getraut haben." Manchmal sieht Helferin Anja Kolle-Meier, die jeden Donnerstag die Mediziner unterstützt, wie Menschen vor der Praxis unschlüssig hin und her gehen, nicht wissen, ob sie sich hereintrauen können. "Die Menschen, die hierher kommen, sind sehr freundlich und zurückhaltend", hat Christoph Zenses festgestellt.

In dem kleinen Sprechzimmer steht ein Ultraschallgerät, es besteht die Möglichkeit für kleinere Untersuchungen, es kann Blutdruck gemessen und ein EKG geschrieben werden.

Die Patienten der Praxis ohne Grenzen, das sind Flüchtlinge und EU-Migranten, die nicht krankenversichert sind, ebenso wie immer mehr Menschen aus Solingen. In Deutschland, so Schätzungen, sind 150 000 Menschen nicht krankenversichert, wenngleich sich diese Zahl nur auf gemeldete Personen bezieht, nicht auf Obdachlose, Migranten und Asylanten. Nach den Erfahrungen von Christoph Zenses hat das verschiedene Ursachen. Viele Selbstständige, die früher privat versichert waren sind ebenso darunter wie Hartz IV-Empfänger, die versäumt haben, einen Krankenschein für den Arztbesuch zu beantragen.

In der Praxis ohne Grenzen wird nicht gefragt, warum die Menschen kommen, hier steht einzig und allein die Hilfebedürftigkeit im Vordergrund. Immer donnerstags (aucher am Ersten Weihnachtstag) wird die Tür in der Hansastraße aufgeschlossen. Zumindest noch bis zur Jahresmitte, dann wird das Gebäude abgerissen.

"Die Stadt will uns auf jeden Fall helfen bei der Suche nach neuen Räumen", sagt Christoph Zenses, der gerne wie jetzt wieder zusammen mit der Faxe der Jugend und Drogenberatung in ein Gebäude einziehen würde. Und wie das bei dem engagierten Mediziner so ist, hat er auch gleich weitere Ideen, wenn das neue Gebäude entsprechend groß wäre. Eine Ausgabestelle der Lebensmittel-Tafel für Ohligs schwebt Christoph Zenses vor, zweimal in der Woche vielleicht, damit die Bedürftigen nicht bis in die Solinger Innenstadt fahren müssen.

Doch erst einmal bleibt die Hansastraße Anlaufstelle für die Hilfesuchenden Menschen, die sich in keine reguläre Arztpraxis trauen, in denen in der Regel die erste Frage lautet: Bei welche Kasse sind sie versichert?

Quelle: RP
 
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