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Solingen
Hinter jedem Unfall stecken 100 Schicksale

Solingen: Hinter jedem Unfall stecken 100 Schicksale
Der zweite europaweite Blitzmarathon findet am Donnerstag, 21. April, statt. FOTO: B. Schaller. L. Hammer
Solingen. Der nächste Blitzmarathon am kommenden Donnerstag steht besonders im Zeichen der Verkehrsopfer. Zu schnelles Fahren bezeichnet die Polizei weiterhin als "Killer Nummer eins" im Straßenverkehr. Von Alexander Riedel

Eigentlich war der 25. Juni 2009 für Janine Nowicki ein Freudentag: Die damals 17-Jährige hatte den Sprung in die gymnasiale Oberstufe geschafft und wollte eine Freundin besuchen. Doch was dann passierte, veränderte ihr Leben mit einem Schlag: Ein Bekannter bot ihr an, sie auf seinem neuen Motorrad mitzunehmen. Er drückte aufs Gas, verlor in einer leichten Kurve den Halt - und die Mitfahrerin wurde mit voller Wucht gegen eine Hauswand geschleudert.

"Dass ich hier sitze, ist ein Wunder", sagt Janine Nowicki. Die junge Frau überlebte, ist aber seit dem Unfall an den Rollstuhl gefesselt und hat die Hälfte ihres Sehvermögens verloren. Im "Crash Kurs"-Team Wuppertal erzählt sie ihre Geschichte an Schulen, um Jugendliche für die Gefahren der überhöhten Geschwindigkeit zu sensibilisieren. "Das ist für mich auch eine Art Selbsttherapie", verrät die Lehramtsstudentin.

Eine andere Perspektive gewährt die Solingerin Sabine Pohl ihren Zuhörern: Sie war vor rund vier Jahren mit ihrer Mutter zum Kaffeetrinken verabredet. "Ich war am Telefon ein bisschen kurz angebunden, weil wir uns ja sowieso sehen wollten", erinnert sich die 50-Jährige. Es sollte das letzte Gespräch zwischen Tochter und Mutter sein: Denn die 77-jährige Frau wurde, als sie auf dem Weg zur Bäckerei an einer Ampel wartete, von einem Auto erfasst und erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Der Fahrer hatte einen Fahrschulwagen in der Kreuzung mit hohem Tempo rechts überholt und konnte seinen Wagen in der Kurve nicht mehr kontrollieren.

15 Veranstaltungen finden im Rahmen der Reihe "Crash Kurs NRW" in diesem Jahr im Bergischen Städtedreieck statt. Rund 20.000 Schüler hat die Polizei mit dem Präventionsangebot bisher erreicht, das die Jugendlichen durch die vielen Berichte von Verkehrsopfern, Angehörigen und beteiligten Polizisten und Sanitätern vor allem emotional aufrütteln soll.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch der nächste Blitzmarathon am kommenden Donnerstag, 21. April. Zwischen 6 und 22 Uhr - und nicht wie zuletzt über 24 Stunden - kontrollieren Verkehrspolizisten und städtische Mitarbeiter an von der Polizei ausgesuchten Straßen und mit mobilen Messeinheiten den Verkehr. An einzelnen ausgewählten Standorten - in der Klingenstadt wird das die Platzhofstraße sein - werden die Temposünder auf jene Beamten treffen, die am selben Ort besonders schwere Verkehrsunfälle aufnehmen mussten. "Wenn möglich, werden die Kollegen hier das Gespräch suchen", erklärt Stefan Kronenberg, Leiter der Direktion Verkehr bei der Wuppertaler Polizei.

Dass neben den unmittelbar Betroffenen und den Angehörigen auch die Beamten und Helfer vor Ort zu den Opfern eines Unfalls gehören, verdeutlichte Ralf Wentland, Opferschutzbeauftragter der Polizei: "Zu einem Unfall gehört ein Personenkreis von 100 Leuten". Ein Einsatz etwa verfolgt Notfallseelsorger Ulrich Geiler bis heute: Der 52-Jährige wurde zu einem Motorradunfall in die Kohlfurth beordert - zum selben Zeitpunkt, als er einen guten Freund dort vermutete. Seine schlimmste persönliche Befürchtung bewahrheitete sich nicht - doch das Erlebte prägte den passionierten Motorradfahrer: "Die Gefahr ist groß, sich zu überschätzen - heute fahre ich bewusster".

Die Berichte über die tragischen Folgen der überhöhten Geschwindigkeit könnten bereits Früchte getragen haben: Zumindest ging die Zahl der Unfälle durch die jugendliche Zielgruppe der Crash-Kurs-Veranstaltungen im Jahr 2015 gegenüber dem vorangegangenen Drei-Jahres-Schnitt im Bergischen Städtedreieck um 20 Prozent zurück. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr jedoch mehr Verkehrsunfälle - allerdings weniger mit Verletzungen und Todesopfern als in den Vorjahren. Die Zahl der verunglückten Kinder im Straßenverkehr hat nach Angaben der Wuppertaler Polizei einen Tiefstand erreicht. Dafür waren mehr Senioren an Unfällen beteiligt.

Quelle: RP
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