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Karin Imgrund
"Hornissen und Hummeln stehen unter Schutz"

Karin Imgrund: "Hornissen und Hummeln stehen unter Schutz"
Karin Imgrund, Mitarbeiterin im Stadtdienst Natur und Umwelt, mit einer beschlagnahmte Handtasche aus Reptilleder. FOTO: Stephan Köhlen
Solingen. Die Artenschützerin Karin Imgrund beim Stadtdienst Natur und Umwelt ist auch für 212 Riesenschlangen und Palisanderholz zuständig.

Kaum hat man das Küchenfenster aufgemacht, kommt die erste Wespe ins Haus. Wie oft müssen Sie in diesen Tagen Solingern raten, wie man mit geschützten Insekten wie Hornissen und Hummeln umzugehen hat?

Imgrund In einer Woche hatte ich fünf Nester, in anderen eines oder zwei. Meistens reicht eine Beratung am Telefon. Geht es um Wespen-Nester, können die Bürger auch direkt mit einem Schädlingsbekämpfer in Kontakt treten. Soll jedoch ein Hornissen- oder Hummel-Nest entfernt werden, schaue ich vor Ort, wie Mensch und Tier anderweitig miteinander auskommen könnten. Meistens findet sich eine bessere Lösung, mit der alle leben können. Hornissen und Hummeln sind wichtiger Bestandteil der Natur und daher besonders geschützt. Ihre Nester dürfen nicht ohne Genehmigung entfernt oder gar abgetötet werden.

Sie sind nicht nur für die Umsiedlung von Wespen, Hornissen und Hummeln zuständig, sondern auch für exotische Tiere. Wie viel Dschungel steckt in der Klingenstadt ?

Imgrund Da Kornnattern nicht meldepflichtig sind, kann ich über deren Anzahl keine Aussage treffen. Zurzeit sind bei 21 Solinger Haltern Giftfrösche gemeldet. Meldungen über Krustenechsen liegen nicht vor. Aktuell gemeldet sind aber 266 lebende Schlangen: 212 Riesenschlangen, 16 Giftnattern, 27 Nattern, acht Vipern und drei Grubenottern.

Wie viele der hier nicht heimischen Tiere gelten als gefährlich ?

Imgrund Mit der Gefährlichkeit ist das immer so eine Sache. Eine Vogelspinne kann bei Berührung unangenehme Spuren hinterlassen - genau wie eine Wespe. Aber gefährlich wird es nur für Allergiker. Eine Schlange im Terrarium ist vielleicht für den, der sie versorgt - und sich hoffentlich damit auskennt - eine Gefahr. Die Nachbarn bekommen aber meist nicht einmal mit, dass das Tier dort ist.

Wann müssen exotische Tiere gemeldet werden?

Imgrund Eine gesonderte Meldepflicht für gefährliche Tiere besteht in NRW nicht. Meldepflichtig sind aber sehr viele Wirbeltiere, weil sie vom Aussterben bedroht sind und daher der Handel mit ihnen überwacht werden muss. In unseren Listen führen wir deshalb neben den in Solingen lebenden Schlangen und Echsen auch mehr als 700 Landschildkröten und circa 270 Papageien - darunter 177 Graupapageien. Sie wurden erst kürzlich unter strengen Artenschutz gestellt. Bevor man sie zum Verkauf anbietet, muss man eine Genehmigung beantragen.

Was droht mir, wenn ich den Papagei oder die Landschildkröte nicht anmelde ?

Imgrund Geldstrafen in Höhe von 35 bis 1000 Euro. Wenn der Halter aber von selbst zu mir kommt und beichtet, dass er von der Meldepflicht bisher nichts wusste, er aber unbedingt möchte, dass jetzt alles korrekt laufen soll, kann ich auch von einem Bußgeld absehen. Daher rate ich immer, von selbst Kontakt zur Behörde zu suchen.

Wie viele Fluchten gefährlicher Haustiere gab es in den letzten Jahren?

Imgrund Mir ist keine bekannt. Aber das Ordnungsamt, das Veterinäramt und die Polizei arbeiten hier eng mit mir zusammen. Es kommt in letzter Zeit jedoch öfter vor, dass exotische Tiere in Wohnungen zurückgelassen werden. Das ist nicht nur deshalb ein Problem, weil die Tiere, bis man sie findet, unversorgt sind. Man weiß auch nichts über sie - über eventuelle Krankheiten, überstandene Verletzungen, charakterliche Eigenschaften. Die Tiere können es einem nicht erzählen.

Sie teilen sich mit einer Kollegin die Stelle beim Stadtdienst Natur und Umwelt. Wie oft kommen Sie dazu, sich bei den Besitzern der Tiere umzusehen ?

Imgrund Immer bei Bedarf, die Haltungsbedingungen kontrolliert in der Regel das Bergische Veterinäramt. Manchmal fahre ich aber auch mit Sachverständigen zusammen raus und kontrolliere unangekündigt. Das hat sich vor allem bei den Zoos in den letzten Jahren bewährt.

Einige Halter exotischer Tiere scheinen überfordert: Sie setzen ihr Haustier aus oder bringen es ins Heim. Im Frühjahr verlangten 30 Tierheime und Auffangstationen, Handel und Haltung von exotischen Tieren stärker zu reglementieren. Wie leicht kommt man heute als Käufer an eine Giftschlange oder einen Skorpion ? Braucht man einen Sachkundenachweis ?

Imgrund Leider nicht. Solche Tiere darf in NRW jeder halten. Und es gibt zu wenige Auffangstationen für artgeschützte, aber auch für die wirklich gefährlichen Tiere. Die meisten Tierheime sind mit der Haltung von Exoten erst einmal überfordert, kennen sich eher mit Hunden und Katzen aus. Wenn man dann bei ausgesetzten Tieren gar nichts über das Tier selbst und seine Vorgeschichte in Erfahrung bringen kann, ist die Unterbringung jedes Mal eine Herausforderung. Außerdem erreichen Papageien und Schildkröten bei guter Pflege ein sehr hohes Alter.

Artenschutz gibt es nicht nur für Tiere, sondern auch für Pflanzen. Was beschäftigt Sie momentan am stärksten?

Imgrund Momentan ist das eindeutig das Palisanderholz. Im letzten Jahr wurde bei der Cites-Konferenz beschlossen, dass Palisanderholz unter besonderen Artenschutz gestellt wird. Hintergrund war eine plötzlich stark angestiegene Nachfrage in China. Aber diese Regelung wirkt sich hier auch auf andere Bereiche aus: Hochwertige Musikinstrumente dürfen seit Januar nicht mehr gehandelt werden, wenn sie Anteile aus geschützten Hölzern enthalten und der Besitzer nicht nachweisen kann, dass das Instrument bereits vor Unterschutzstellung der Hölzer hergestellt wurde. Der Export von Instrumenten, die solches Holz enthalten, ist nur erlaubt, wenn man die Legalität nachweisen kann. Da wird die Planung einer Auslandstournee eines Orchesters schon mal zu einer völlig neuen Herausforderung.

Palisanderholz findet sich aber auch in den Griffen Solinger Schneidwaren.

Imgrund Auch die Schneidwaren-Industrie muss sich jetzt plötzlich mit Buchführungspflichten bezüglich der Holzlagerbestände beschäftigen und benötigt für den Export in Nicht-EU-Länder wie beispielsweise die Schweiz sogenannte Vorlagebescheinigungen, die bei mir beantragt werden müssen, bevor eine Ausfuhrgenehmigung erteilt werden kann.

FRED LOTHAR MELCHIOR FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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