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Heimat entdecken
Idyllische Winkel in der Großstadt

Heimat entdecken: Idyllische Winkel in der Großstadt
Das ab 1558 erbaute Richterhaus (vorne) und das Peter-Knecht-Haus von 1798 geben der Hofschaft Dahl heute ihr Gesicht. FOTO: Kempner, Martin (mak)
Solingen. Solingen und seine Hofschaften - die kleinen Siedlungen sind Oasen der Ruhe und werden bei Gästen immer beliebter. Ein Paradebeispiel ist Dahl mit seinen historischen Fachwerkhäusern. Von Martin Oberpriller und Martin Kempner (Fotos)

Ein paar Meter weiter südlich reißt der Verkehr auch an diesem Nachmittag nicht ab. Die vierspurige Viehbachtalstraße verbindet die Solinger City mit den weiter im Westen gelegenen Stadtteilen. Immer wieder dröhnen die Autos über die Stadtautobahn - doch von dieser monotonen Begleitmusik der Großstadt lässt sich zwischen den verwinkelten Fachwerkhäusern der kleinen Hofschaft Dahl nicht einmal etwas erahnen.

Im Gegenteil: Eine Katze sitzt am Rand der engen Gasse, beobachtet neugierig den Besucher, der sich mit seinem Wagen in Schritttempo der Hofschaft nähert. Die Katze denkt gar nicht daran, dem Fremden den Weg freizumachen. Denn Dahl ist mit seinem imposanten, nach 1558 erbauten Richterhaus, dem nicht minder beeindruckenden Schöffenhaus (1747) sowie dem 1993 aus der Hofschaft Schlicken translozierten Peter-Knecht-Haus einer jener Orte der Entschleunigung, die es überall mitten in Solingen gibt - und in denen die Regeln der Moderne außer Kraft gesetzt sind.

Dabei grenzt es beinahe an ein Wunder, dass solch idyllische Hofschaften wie Dahl überhaupt noch existieren. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre sollte beispielsweise das damals völlig heruntergekommene Richterhaus abgerissen werden. Es stand einer Tangente zur Viehbachtalstraße im Weg. Alles schien entschieden, als sich doch noch Widerstand leistende Bürger fanden und Thomas Herriger das alte Anwesen erwarb.

Eine Inschrift über der Tür des Richterhauses erinnert an dessen Baujahr und an die Renovierung. Von 1635 bis 1646 lebte dort der Richter Rütger Vischer. FOTO: Kempner, Martin (mak)

Das war 1982. Rund 34 Jahre später sitzt Herriger im Garten des längst in neuem Glanz entstandenen Richterhauses und erinnert sich. "Es war eine Menge Arbeit", sagt der gebürtige Solinger, der insgesamt vier Jahre benötigte, um aus der einstigen Ruine wieder ein Prunkstück bergischer Architektur zu machen.

Inzwischen erstrahlt aber nicht allein das Richterhaus in neuer Pracht. Wenige Meter davon entfernt steht seit 1993 ein weiteres repräsentatives Fachwerkgebäude. Das Peter-Knecht-Haus aus dem späten 18. Jahrhundert ist benannt nach dem bekannten Solinger Kaufmann, der darin - damals noch am alten Standort in der Hofschaft Schlicken im heutigen Stadtteil Höhscheid - Anno 1798 das Licht der Welt erblickte.

Spinnweben im Richterhaus zeugen von einer langen Geschichte. FOTO: Kempner, Martin (mak)

Ein Freilichtmuseum ohne Bezug zur Jetztzeit ist die Hofschaft Dahl deshalb aber noch lange nicht. "Eine dauerhafte Erhaltung macht nur Sinn, wenn die historischen Gebäude genutzt werden können", sagt Thomas Herriger, der selbst im Richterhaus wohnt und mit der Translozierung überdies auch für die Rettung des Peter-Knecht-Hauses sorgte.

Tatsächlich entdecken längst viele Fremde Dahl ebenfalls für sich. Immer wieder kommen Besucher in die kleine Hofschaft mit ihren idyllischen Winkeln. Thomas Herriger hat deshalb im Richterhaus drei moderne Ferienwohnungen eingerichtet, die stets beliebter werden. Manchmal quartieren sich Gäste nur für wenige Nächte ein. Doch darüber hinaus hat Herriger inzwischen auch "Stammkunden", die eine besonders weite Reise hinter sich haben. So schlief zum Beispiel bereits ein Geschäftsmann aus Indien in einem der Appartements im Richterhaus - und erfuhr auf diese Weise ganz nebenbei, was es mit der Entschleunigung auf bergische Art auf sich hat.

Quelle: RP
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