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Solingen
Im Gemeindehaus kehrt der Alltag ein

Solingen: Im Gemeindehaus kehrt der Alltag ein
FOTO: Martin Kempner
Solingen. 49 Flüchtlinge haben an der Corinthstraße ein Zuhause gefunden. Etliche Ehrenamtler engagieren sich. Von Maxine Herder

Das Wort "Polenta-Gemüse" kennt das Übersetzungsprogramm im Handy von Bettina Hahmann einfach nicht. Mit ratlosen Gesichtern blicken drei Jungs und zwei Frauen, eine davon mit einem Kleinkind auf dem Arm, im Essensraum des Gemeindehauses Corinthstraße auf die arabischen Schriftzeichen auf dem Display des Geräts der Gemeindeschwester der Evangelischen Kirchengemeinde Wald. Bettina Hahmann probiert es noch einmal: "Maisgrieß" spricht sie langsam in ihr Handy - mit Erfolg: Die Jungs lächeln, als sie die Übersetzung lesen, die Frauen auch. Und die Ehrenamtlerinnen Edeltraud Beckering und Ulrike Hanke machen sich auf den Weg zur benachbarten Altenhilfe, wo sie das warme Mittagessen - Polenta-Gemüse - für die Bewohner des Gemeindehauses abholen.

Vor neun Tagen sind die ersten 25 Flüchtlinge hier eingezogen, weitere 24 Menschen sind seitdem hinzu gekommen, die letzten elf gestern Nachmittag. Insgesamt 49 Menschen - Frauen, Männer und 18 Kinder, das jüngste acht Monate alt - aus Syrien, dem Kosovo und Eritrea haben im Gemeindehaus eine Heimat auf Zeit gefunden.

Hintergrund: Flüchtlinge in Turnhallen

Und langsam kehrt so etwas wie Alltag ein: Die Schulkinder haben mit ihrem Sprachkurs begonnen, der die Zeit überbrücken soll, bis sie in die Schule gehen. Auch die Erwachsenen sollen täglich Deutsch lernen. Ab kommendem Montag werden Mitarbeiter des Paritätischen eine tägliche Kinderbetreuung anbieten, Sportangebote des WMTV laufen derzeit an. Ganz selbstverständlich packen die meisten Bewohner bei der Hausarbeit mit an, auch die ersten Ausflüge in den Stadtteil haben sie bereits gewagt. "Und wir haben auch schon einen Geburtstag gefeiert", sagt Gemeindeschwester Bettina Hahmann: Einer der jüngsten Neu-Walder ist zwei Jahre alt geworden.

Im Großen und Ganzen, sagt Bettina Hahmann, herrsche eine gute Harmonie, trotz der räumlichen Enge: Sowohl im Chorraum als auch im Gemeindesaal stehen die Betten dicht an dicht, Privatsphäre gibt es hier kaum. "Wir achten sehr darauf, dass Konflikte direkt aus dem Weg geräumt werden, dass die Leute sich aufgenommen fühlen." Und Alltagsproblemchen gehörten im Zusammenleben so vieler verschiedener Menschen einfach dazu.

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

"Wie in jeder Familie und in jeder größeren Gruppe gibt es mal Diskussionen darüber, dass die Kinder beim Essen sitzen bleiben sollen oder dass jeder seine Sachen wegräumt, dass Regeln eingehalten werden. Aber abgesehen davon funktioniert es einfach super", so Hahmann. Das bestätigt auch Pfarrer Bernd Reinzhagen: "Die Stimmung ist sehr gut, auch unter den Ehrenamtlern. Es ist, wie wir es uns im Vorfeld vorgestellt haben, auch wenn es natürlich noch ein paar Sachen gibt, die sich tun müssen. Dazu gehört beispielsweise, dass es schnell klappt, dass die Kinder in die Schule gehen können."

Es ist ein großes Stück Arbeit für Ehren- und Hauptamtler, das hinter dem reibungslosen Ablauf jeden einzelnen Tages steckt: "Unsere Ehrenamtler sind einfach klasse und sehr motiviert", lobt Bettina Hahmann. "Der Zuspruch der Ehrenamtler ist ganz toll", sagt auch Pfarrer Bernd Reinzhagen. "Es kommen viele Leute, die mit der Gemeinde gar nichts zu tun haben, die evangelisch, katholisch oder muslimisch sind und sich einfach engagieren wollen." Wie Edeltraud Beckering: Sie habe etwas Sinnvolles machen wollen, sagt sie, während sie die Essensausgabe vorbereitet. "Ich bin einfach hier, um zu helfen", so die Walderin.

Fotos: Traglufthalle für Flüchtlinge in Düsseldorf aufgebaut FOTO: dpa, fg jai

Bereits im September hatte sich die Gemeinde bereit erklärt, ihr Gemeindehaus komplett für Flüchtlinge zu räumen. Im Netzwerk "Willkommen in Wald", dem unter anderem Vereine, Verbände und Ärzte angehören, hat die Gemeinde viel Unterstützung gefunden.

Quelle: RP
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