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Solingen
Im Rollstuhl entdeckt Shahram die Welt

Solingen: Im Rollstuhl entdeckt Shahram die Welt
Shahram Popal (l.) und Ingo Meyer beim Billard spielen im CVJM-Café am Birkenweiher. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Mit seinem Begleiter Ingo Meyer bereist Shahram Popal im Rollstuhl die Region. Die Freizeitassistenz ist ein Angebot des Vereins Pro Mobil. Von Benjamin Dresen

Im Rollstuhl kommt Shahram Popal ziemlich weit. Die meisten wichtigen Städte in Nordrhein-Westfalen haben der 19-Jährige und sein Freizeitbegleiter Ingo Meyer (52) seit 2014 gesehen. Ein Mal wöchentlich bricht das Duo zu einem Ausflug auf.

Ihre Ziele erreichen die beiden nicht wie im Film "Ziemlich beste Freunde" im Maserati-Sportwagen, sondern mit Bus und Bahn - was kaum weniger abenteuerlich ist: Das beginnt mit defekten Aufzügen am Bahnhof und endet mit defekten Türen in den Zügen. Deshalb dauerte die Heimfahrt von Köln einmal bis nach Schwelm - dort kam endlich ein Bahnsteig auf der anderen Seite des Zuges. Denn der Gang im Abteil war zu schmal, um eine funktionierende Tür zu erreichen. "Das war schon ein prägendes Erlebnis", sagt Ingo Meyer.

Shahram Popal kam im Alter von sechs Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Als Kind war er noch zu Fuß unterwegs, ist durch eine Krankheit aber heute auf den Rollstuhl angewiesen. Shahram Popal und Ingo Meyer kamen durch Vermittlung des Vereins Pro Mobil zusammen, der Freizeitbegleitungen für Rollstuhlfahrer anbietet. Meyer kam durch eine Stellenanzeige zu seinem Nebenjob, hauptberuflich arbeitet er für einen Anbieter von Kanu- und Rafting-Touren. "Ich kann dadurch jetzt viel freier mit Menschen mit Handicap umgehen", sagt er.

Gemeinsam haben sie bei ihren Reisen eine Faszination für alte Gebäude entwickelt. "Wir besichtigen jeden Dom", berichtet Ingo Meyer. Höhepunkte waren Münster, das Belgische Viertel in Köln und Koblenz. Den Trip zum Deutschen Eck und die Fahrt mit der Seilbahn auf die Festung Ehrenbreitstein hatte Shahram Popal allein geplant. "Das war der schönste Ausflug", findet er. Auch das Erlebnis, im Bergbaumuseum Bochum mit dem Rollstuhl "unter Tage" zu fahren, hatte er sich gewünscht. "Am Anfang war er eher schüchtern", sagt Ingo Meyer über Shahram, "aber jetzt recherchiert er alles selbstständig und verrät auch vorher nichts."

Ihre zweite gemeinsame Leidenschaft ist der Sport. Bei den Handballern des Bergischen HC oder bei den Telekom Baskets Bonn sind sie in der Bundesliga am Spielfeldrand ganz nah dabei. Die Sportbegeisterung war von Beginn an ihr gemeinsamer Nenner und sorgt bis heute für Gesprächsstoff. Bei schlechtem Wetter ist das CVJM-Café am Birkenweiher ihr Treffpunkt für eine Runde Billard oder ein Brettspiel.

"Für mich war das schönste Erlebnis, als Shahram von der Paul-Klee-Förderschule auf die weiterführende Schule gewechselt ist", berichtet Ingo Meyer. Seit Sommer 2015 besucht Shahram nach dem Hauptschulabschluss nach Klasse 9 das Kaufmännische Berufskolleg in Solingen - und das mit Erfolg: Das Halbjahreszeugnis hatte einen Schnitt von 1,8. Sein Ziel ist es, die Mittlere Reife zu erlangen. Schwierig ist dabei, die nötigen barrierefreien Praktikumsplätze zu finden. Anfang des Jahres klappte auch das: Shahram Popal konnte sein Pflichtpraktikum im Jobcenter absolvieren.

Quelle: RP
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