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Solingen
Immer stärkere Gewalt unter Jugendlichen

Solingen. Eigentlich stand die junge Frau in der Disco einfach nur wartend an der Theke, als ein Jugendlicher ihr eine Flasche ins Gesicht schlug. Sofort schritten ihre Brüder ein. Die junge Frau kam mit einer Platzwunde davon. Doch die traumatisierende Wirkung dieser Tat ist nicht zu unterschätzen. Von Sandra Heinzelbecker

"Die junge Frau traut sich kaum noch aus dem Haus", weiß Hildegard Hergeth-Steinbach, Solinger Außenstellenleiterin des Opferhilfevereins Weißer Ring. Der zog jetzt anlässlich des bevorstehenden "Tags der Kriminalitätsopfer" am 22. März Bilanz. "Die Gewalt unter Jugendlichen wird immer hemmungsloser. Es ist erschreckend", sagt Hergeth-Steinbach. Überfälle erfolgten häufig ohne erkennbaren Anlass und mit unwahrscheinlicher Brutalität. Der Weiße Ring wünscht sich deshalb mehr Präventionsarbeit in den Schulen.

Allein 19 Körperverletzungen, 23 Einbruch-, Raub- und Diebstahlopfer und elf Opfer von Sexualdelikten, darunter ein Fall von Menschenhandel, wurden 2009 in Solingen betreut. Zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter begleiten die Kriminalitätsopfer bei Behördengängen, vor Gericht, vermitteln Therapeuten und unterstützen bei Bedarf auch finanziell.

Tobias (Name geändert) leidet ebenfalls unter den Folgen eines brutalen Überfalls. Er hatte gerade mit seiner Exfreundin das "Seitensprung" verlassen, als er aus einem fahrenden Auto heraus angepöbelt wurde. "Ich habe nicht verstanden, was die sagten, und meinte, sie sollen mich in Ruhe lassen", erinnert sich der 20-Jährige. Dann hörte er, wie das Auto hielt, doch er lief weiter.

Der Angriff kam von hinten. Tobias bekam einen Schlag ab und zog geistesgegenwärtig seine Begleiterin hinter sich in Deckung. "Es ging alles so schnell", sagt er. Ein zweiter Angreifer sprang hoch und schlug Tobias von oben mit einem Gegenstand ins Gesicht. "Ich spürte wie das Blut runterlief", erzählt er. Er wusste dabei nur eins: "Ich darf auf keinen Fall hinfallen, sonst bin ich gleich tot." Also machte er einen Schritt nach vorne, um den Gegnern zu zeigen, dass er nicht kampfunfähig ist. Glücklicherweise kam ihm ein Mann zu Hilfe geeilt. "Ich hörte noch, wie die sich auf Türkisch etwas zuriefen, dann waren sie auch schon weg."

Neben Prellungen im Gesicht und einer Gehirnerschütterung, trug Tobias einen Nasenbeinbruch davon und musste sich im Krankenhaus einer Operation unterziehen. "Jetzt weiche ich jedesmal aus, wenn ich irgendwo jemanden Türkisch sprechen höre", gibt er zu.

Auf 25 Jahre aktive Hilfe für Opfer von Kriminalität kann die Solinger Außenstelle des Weißen Rings zurückblicken. Hilfe und Rat bietet der Verein unter der Telefonnummer 315813 und bei der Bürgersprechstunde jeden ersten Mittwoch im Monat im Café Cramer (Fronhof).

Quelle: RP
 
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