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Robert Fliegner
Immer weniger Firmenpleiten

Robert Fliegner: Immer weniger Firmenpleiten
Robert Fliegner, Fachanwalt für Insolvenzrecht. FOTO: Martin kempner
Solingen. Der Fachanwalt für Insolvenzrecht sieht technischen Wandel und E-Commerce als Bedrohung für viele Branchen. Er sagt: "Wer den Trend verpasst hat, der gerät unter die Räder". Manche Unternehmen müssten ein neues Geschäftsmodell suchen.

190 Treffer: Wer beim Justizportal nach Insolvenzen in Solingen sucht, findet alleine für den letzten Monat so viele Einträge. Die meisten beziehen sich aber auf alte laufende Verfahren, und nur etwa ein Dutzend betrifft Firmen. Drehen Insolvenzverwalter jetzt Däumchen?

Robert liegner Sicher nicht, obwohl es eine Art Marktbereinigung gibt. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Denn der Trend ist eindeutig, nicht nur in Solingen: Gab es 2009 noch insgesamt 163.000 Insolvenzen in Deutschland, so waren es 2016 nur noch rund 124.000. Die Zahl der darin enthaltenen Unternehmenspleiten ging von zirka 33.000 auf etwa 21.500 zurück. Das ist bei den Firmen der geringste Stand seit 17 Jahren.

Wo liegen die Ursachen für den Rückgang?

Fliegner Sie liegen zum einen in der guten Binnenkonjunktur und der guten Finanzierungssituation. Zum anderen zeigt sich hier aber leider auch die im Rückgang befindliche Gründerkultur. Gründer tauchen überdurchschnittlich häufig bei den Firmenpleiten auf. Weniger Existenzgründer bedeuten aber nicht nur weniger Insolvenzen, sondern auch weniger zukunftsträchtige Unternehmen.

In Solingen kennt man Sie beispielsweise als Insolvenzverwalter der Saltus Technology AG - die Schlussverteilung fand in diesem Sommer statt - und der Ittertal gGmbH. Was machen Sie, wenn es in Solingen ruhiger ist?

Fliegner So viel wie 2009/10, als ich außerdem mit der Nachfolgegesellschaft von Aalflex Durex beschäftigt war, gibt es in Solingen momentan nicht zu tun. Ich werde aber nach wie vor sehr gut bestellt. Der rückläufige Insolvenztrend ist insoweit ein Stück an mir und meinem Büro vorbeigegangen, denn ich arbeite auch für die Amtsgerichte in Essen, Bochum und Dortmund. Zu meinen aktuellen Fällen zählte etwa ein bekanntes Hotel in Marl und ein größerer Taxibetrieb in Datteln. Natürlich beraten wir aber auch dauernd. Unsere Sozietät ist sehr stark auf Wirtschafts- und Restrukturierungsrecht spezialisiert. Ich glaube, dass man auf jeden Fall eine sehr starke Spezialisierung aufweisen muss, um sich im Restrukturierungsmarkt zu bewähren.

Können Sie ein Beispiel für Ihre Beratertätigkeit nennen?

Fliegner Zu Beginn des Jahres bin ich gemeinsam mit meinem Wupertaler Kollegen Dr. Jens Schmidt Generalbevollmächtigter eines Automobilzulieferers aus Hattingen geworden. Es war ein Verfahren in Eigenverwaltung, das bis Juli lief. Das 150-Mitarbeiter-Unternehmen konnte im Rahmen eines Insolvenzplans zukunftsfähig aufgestellt und an einen Investor übertragen werden.

Die Eigenverwaltung wurde populärer, als 2012 das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) in Kraft trat. Aber wenn ein Unternehmer es vorher schon nicht geschafft hat, profitabel zu arbeiten . . .

Fliegner Früher hat man gedacht, dass damit der Bock zum Gärtner gemacht wurde. Heute sagt man: Der Unternehmer kennt die Branche, kennt die Gläubiger. Ihm wird vom Gericht aber immer ein Sachwalter als Aufsicht zur Seite gestellt; zudem muss der Unternehmer im Verfahren kontinuierlich insolvenzrechtlich beraten sein, etwa über einen für diese Zwecke eingesetzten Generalbevollmächtigten. Das Gesetz ist Ausdruck einer neuen Sanierungskultur, die man in Deutschland einführen möchte - auch zum Erhalt der Arbeitsplätze. Ich sehe die Eigenverwaltung, die es inzwischen häufiger gibt, allerdings ein Stück weit kritisch: Nicht jeder Fall eignet sich.

Warum hat es bei dem Autozulieferer in Hattingen mit dem Insolvenzplan geklappt?

Fliegner Es geht immer darum, eine Sanierungslösung zu finden. Nehmen Sie das Beispiel Griechenland: Ohne Reformen hätten wir ein Fass ohne Boden. Gläubiger können nur für eine Zukunftslösung begeistert werden, wenn eine aktuell bestehende Verlustsituation beseitigt ist. Das ist bei Unternehmen genauso; entscheidend ist immer, ob das Geschäftsmodell funktioniert. In Hattingen sind wir mit einem Plan in das Verfahren gegangen, haben zunächst durch leistungswirtschaftliche Sanierungsmaßnahmen das Geschäftsmodell wieder funktionsfähig gemacht, um danach im Rahmen eines Insolvenzplans die Insolvenzgründe dauerhaft beseitigen zu können. Die Gläubiger profitierten letztlich von einer überdurchschnittlichen Quotenzahlung. Insolvenzverfahren sind sehr facettenreich. Die Befriedigung der Gläubiger steht aber immer an erster Stelle.

Sie sind auch Verwalter für Privatinsolvenzen. Warum ist ihre Zahl so hoch?

Fliegner Hauptursachen sind Arbeitslosigkeit und chronisch geringe Einkünfte. Dazu kommen Krankheiten und Scheidungen oder die Trennung vom Partner, die zu Mehraufwendungen führt. Sicher gibt es auch eine finanzielle Unbedarftheit in jungen Jahren, Stichwort Mobilfunkverträge. Verbraucherkredite waren eine Zeitlang ein großes Problem; sie schlugen überdurchschnittlich häufig bei uns auf.

Große Firmeninsolvenzen ziehen sich häufig über Jahre. Wie lange muss ein privater Schuldner warten, bis sein Verfahren abgeschlossen ist?

Fliegner Regulär dauert es sechs Jahre bis zur Restschuldbefreiung. Seit 2014 der Paragraph 300 der Insolvenzordnung geändert wurde, kann es aber auch schneller gehen. Wenn der Schuldner die Verfahrenskosten von rund 2500 Euro zahlen kann, ist eine Befreiung nach fünf Jahren möglich. Begleicht er außerdem noch 35 Prozent der Gläubigerforderungen, sind es nur drei Jahre. Zudem sind außergerichtliche Vereinbarungen möglich.

Wagen Sie einen Ausblick, wie sich die Zahl der Firmeninsolvenzen im nächsten Jahr entwickeln könnte?

Fliegner Wir haben erlebt, dass zuletzt die Textilbranche betroffen war. Das Thema ist E-Commerce. Wer den Trend verpasst hat, der gerät unter die Räder. Das kann auch andere Branchen treffen: Wer etwa CDs und DVDs verkauft, bekommt ein Riesenproblem durch die Streamingdienste. Da müssen sich Unternehmen ein neues Geschäftsmodell suchen. Das gilt auch für andere Firmen, wenn sich Rahmenbedingungen ändern: In Wuppertal traf es einen Dachdeckerbetrieb, der sich auf Solaranlagen spezialisiert hatte. Als die staatliche Förderung auslief, brachen die Umsätze ein.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE FRED LOTHAR MELCHIOR

Quelle: RP
 
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