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Solingen
In der Galerie SK röhrt kein Hirsch

Solingen. Die Artothek der Stadt Solingen zeigt in den Räumen der Solinger Künstler in den Güterhallen ihre Schätze. Von Güdny Schneider-Mombaur

Die Artothek ist ein Gücksfall im kulturellen Leben der Stadt Solingen. Seit ihrem Start im Jahre 1979 hat sie unzählige Kunstwerke ins heimische Wohnzimmer vermittelt - für eine kürzere oder längere Zeit oder für immer. Was liegt da näher, als den gesammelten Schätzen erstmalig eine eigene Ausstellung zu widmen. "Wir wollen zeigen, wie vielfältig das Angebot unserer Artothek über die Jahre gewachsen ist," erklärt Ulle Huth, die die Sammlung seit vielen Jahren mit drei ehrenamtlichen Helferinnen Duda Voivo, Else Herberg und Elke Rauh betreut.

Der legendäre röhrende Hirsch findet sich in dieser Ausstellung nicht, wie der Titel verspricht. Aber die damit verbundene Assoziation des Hirschen im Brunstschrei als Ölschinken über dem Sofa ist durchaus gewollt, so die Initiatorinnen. Die Ausstellung zeigt Bilder, die bildlich gesprochen genau diesen Platz über dem Sofa einnehmen wollen. Was sonst nur finanziell potenten Kunstsammlern möglich ist, sich im privaten Umfeld mit Originalen zu umgeben, das steht dank der Artothek allen offen.

Das Ausleihsystem erlaubt jedem für einen kleinen Obolus, nicht mehr als der Gegenwert eines Cappuccinos pro Monat, sein Lieblingsbild für drei Monate mit nach Hause zu nehmen. Die Ausleihzeit kann bei Bedarf verlängert werden. Sollte man sich in sein Bild unsterblich verlieben, kann man es zu einem günstigen Preis kaufen. Aussuchen, leihen und kaufen ist übrigens auch jetzt während der laufenden Ausstellung möglich.

Die Auswahl ist groß. Die sogenannte Petersburger Hängung, die Bilder dicht an dicht fast bis zur Decke präsentiert, beeindruckt den Besucher schon durch die Menge der rund 400 versammelten Werke. 120 Bilder sind derzeit ausgeliehen. Öl- und Acrylbilder auf Leinwand, Handzeichnungen, Grafiken, Collagen und Fotografien, alle in einem handlichen Format, füllen den Ausstellungsraum. Die schwierige Aufgabe, unterschiedliche Kunststile, Bildgrößen, Bildgattungen, Materialien, Farben und Rahmenformen zu einer stimmigen Ausstellung zusammenzustellen, ist gelungen. Farbige Tafelbilder wechseln mit strengen grafischen Arbeiten, abstrakte mit figürlichen Motiven.

Da die Artothek schon über 30 Jahre besteht, finden sich historische Schätze zwischen zeitgenössischen Werken: Bilder von Willi Deutzmann und Georg Meistermann sind ausleihbar, wenn auch nicht käuflich, da sie zum städtischen Kunstbesitz gehören. Es gibt Arbeiten von Jan Boomers und Werner Tillmanns genauso wie Bilder aktueller regionaler und internationaler Künstler. Die ersten 42 Arbeiten, erzählt Heiderose Birkenstock-Kotalla, die mit Ernst Walsken die Artothek von Anfang an betreut hat, lieferten Solinger Künstler, die durch eine Fachjury ausgesucht wurden. Bis 2007 hatte die Artothek einen festen Ankaufsetat. Heute besteht ihr Angebot zur Hälfte aus Kommissionsbildern, die beständig aktualisiert und ausgetauscht werden, um die Attraktivität des Angebots zu optimieren.

Das Prinzip der Artothek ist demokratisch. Der Gedanke, Kunst für alle erlebbar zu machen, hat seine Wurzeln in der sozialliberalen Kulturpolitik der 1970er Jahre. Die Artothek erfüllt von ihrem Grundgedanken einen Bildungsauftrag, weil durch den unverbindlichen Charakter der Kunstausleihe Schwellenängste vor der Kunst und ihren Institutionen wie Galerien und Museen abgebaut werden. Andererseits ist die Artothek auch ein wichtiges Element der Künstlerförderung. Künstler und Publikum finden leichter zueinander. Umso erfreulicher ist es, dass die Stadt Solingen ihre Artothek durch die Verbindung mit dem Verein der Solinger Künstler, der die Sammlung ehrenamtlich betreut, über so viele Jahre lebendig erhalten hat. In anderen Städten sind die Artotheken meist dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Das Prinzip "Rent a picture" spricht durchaus auch ein jüngeres Publikum an, ergänzt Ulle Huth und verweist darauf, dass viele junge Familien Bilder in der Artothek ausleihen. Damit werden auch neue Zielgruppen für die Kunst erschlossen.

Nach Ende der Ausstellung wandern die Bilder nicht alle zurück ins Archiv. Ein eigens zur Präsentation entworfenes Schranksystem der Galerie SK wird dreimal die Woche zur Ausleihe geöffnet. Aber so schön wie jetzt in der Ausstellung wirken die Bilder erst wieder an der Wand des heimischen Wohnzimmers, über oder neben dem Sofa, im Büro oder in Praxisräumen. Dann aber als Einzelwerke, jedes mit der Aura des Originals.

Quelle: RP
 
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