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Solingen
Keine Busse - Fahrgäste gehen leer aus

Solingen: Keine Busse - Fahrgäste gehen leer aus
Tristesse am Graf-Wilhelm-Platz: Wo sonst Busse im Minutentakt fahren und viele Menschen warten, war gestern Morgen kaum etwas los. FOTO: Stephan Köhlen
Solingen. Der Warnstreik im Öffentlichen Dienst hat viele Solinger gestern hart getroffen. Vor allem Buspendler mussten sich nach Alternativen umsehen. In der Stadt gab es lange Staus. Zudem waren Müllabfuhr und Kitas vom Streik beeinträchtigt. Von Uwe Vetter und Martin Oberpriller

Zielsicher fährt der Mann gegen 7.50 Uhr mit seinem Wagen in den Busbahnhof am Graf-Wilhelm-Platz. Am Bahnsteig 1b hält er, stellt den Motor ab und steigt mit seinem Beifahrer aus, um in der Kaffeestube Paaß in aller Ruhe Brötchen zu kaufen. Die Warnblinkanlage des Autos wird nicht aktiviert. Es kommt ohnehin kein Bus, denkt sich der Autofahrer - und liegt richtig.

Zumindest, was die Busse der Stadtwerke Solingen betrifft. Denn die blieben gestern wegen des Warnstreiks im Öffentlichen Dienst den ganzen Tag im Depot. Die Busfahrer waren dem Aufruf der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gefolgt, für 24 Stunden die Arbeit niederzulegen.

"Der erste Bus wird erst wieder am Donnerstagmorgen um 3.41 Uhr rausfahren", sagte eine Sprecherin der Verkehrssparte bei den Stadtwerken am Mittwochvormittag. Und Thomas Lafleur, bei den Stadtwerken für die Fahr- und Dienstpläne zuständig, ergänzte: "Normalerweise sind morgens in der Spitze 87 Busse draußen".

Weil viele Beschäftigte mit dem Auto zur Arbeit fuhren, staute sich der Verkehr zur Rushhour an vielen Stellen in der Stadt. FOTO: Köhlen, Stephan (TEPH)

Lafleur betätigte sich am Betriebshof Weidenstraße als Streikleiter. Zusammen mit vielen Busfahrern und Dagmar Paasch von Verdi sorgte er dafür, dass kein Bus das Depot verließ. "Auch der Nachtexpress fährt nicht", betonte Thomas Lafleur, der gleichzeitig klarstellte: "Wir müssen dem Arbeitgeber ein Signal geben. Das bisherige Angebot akzeptieren wir nicht."

Heute und morgen sitzen die Tarifpartner des öffentlichen Dienstes in Potsdam erneut am Verhandlungstisch. Mit von der Partie ist dann auch wieder der Solinger Uwe Hedtfeld. Der stellvertretende Personalratsvorsitzende der Stadtverwaltung ist Mitglied der Bundestarif- und Verhandlungskommission der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Gestern feierte Hedtfeld nicht nur seinen 48. Geburtstag. Er streikte morgens mit den Busfahrern an der Weidenstraße, bevor er sich nachmittags mit dem Zug in Richtung Potsdam aufmachte. "Neben mehr Lohn ist vor allem die betriebliche Altersversorgung ein Thema bei den Beschäftigten", sagte Hedtfeld. Die solle ohne Eingriffe erhalten bleiben.

Aus Erfahrung früherer Tarifverhandlungen geht Uwe Hedtfeld davon aus, dass es in dieser Woche noch nicht zu einer Einigung kommen wird. "Entscheidend ist aber, was auf den Tisch gelegt wird", betonte der Gewerkschaftler mit Blick auf die Arbeitgeberseite. Weitere Streiks sowie eine spätere Schlichtung schloss Hedtfeld ausdrücklich nicht aus.

Derweil hatten die Solinger mit den Folgen des gestrigen Ausstandes zu kämpfen. Während sich nämlich die Busfahrer bei Temperaturen von gerade einmal drei Grad an der Weidenstraße in Busse zurückzogen, um sich kurz aufzuwärmen, ging am Hauptbahnhof in Ohligs beileibe nicht alles seinen gewohnten Gang.

Zwar waren die Busse der Düsseldorfer Rheinbahn unterwegs. Und auch die Züge von National Express sowie der Müngstener und die S 1 verkehrten. Doch für viele Bahnkunden war in Ohligs zunächst einmal Endstation. Wie etwa für einen jungen Mann, der aus Düsseldorf am Hauptbahnhof angekommen war.

Mit einem Stadtwerke-Bus sollte es von dort weitergehen. Aber daraus wurde nichts. "Dann muss ich mir wohl ein Taxi nehmen", sagte der Düsseldorfer, der bereits am Dienstag in der Landeshauptstadt vom Warnstreik betroffen gewesen war. Auch dort waren keine Busse gefahren. "Dabei ist allein die Fahrt mit der S 1 an normalen Tagen bereits nicht immer ein Vergnügen", sagte der Mann, bevor er sich verärgert ins Taxi setzt.

Ähnlich erging es ungefähr zum gleichen Zeitpunkt am anderen Ende der Stadt auch Matthias Bielak. Der 22-Jährige ist Auszubildender bei Brillen Rottler in der City. Jeden Morgen kommt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Remscheid-Lennep zu seinem Arbeitsplatz in Solingen.

Allerdings erwies sich der gewohnte Weg zum Job gestern als eine Art Hindernislauf. Denn nachdem Bielak wegen der streikenden Busfahrer schon in Lennep 30 Minuten zu Fuß zum Bahnhof hatte gehen müssen, hieß es nach dem Ausstieg in Solingen-Mitte erneut Laufen. "Ich bin gerade noch pünktlich gekommen", sagte der Optiker-Azubi später.

Ein Problem, dass auch viele Autofahrer hatten. Auf den Straßen war gestern Morgen ebenfalls deutlich mehr Betrieb als sonst. Denn Berufspendler, die sonst mit dem Bus zur Arbeit fahren, stiegen aufs Auto um, wenn sie denn nicht einen Bus von Kraftverkehr Wiedenhoff nutzten. Das private Busunternehmen fuhr fahrplanmäßig.

Darüber hinaus betätigten sich viele Eltern, deren Kinder auf Busse angewiesen sind, um zur Schule zu kommen, als "Taxifahrer". Entsprechend voll waren gegen 8 Uhr die Schützenstraße und andere Hauptverkehrsachsen in der Innenstadt - wie unter anderem die Cronenberger Straße und die Konrad-Adenauer-Straße.

Zum Busbahnhof Graf-Wilhelm-Platz hatte sich hingegen kaum ein Fahrgast verirrt. Die Ankündigung des Streiks hatte Wirkung gezeigt. Die digitalen Anzeigen - "ganztägiger Warnstreik am 27. April" - klärten zudem vereinzelt auftauchende Passanten auf. Etwas verwirrend war indes, dass auf den Anzeigen die Abfahrtszeiten der Busse aufleuchteten und so den Eindruck erweckten, dass doch noch etwas gehen könnte: 8.09 Uhr nach Wald Kirche, in drei Minuten nach Untenkatternberg oder in zwölf Minuten nach Meigen. Gleichwohl, kein Bus tauchte auf.

Dagegen erschienen aber Mitarbeiter der Straßenreinigung, die wie gewohnt die Papierkörbe am Busbahnhof leerten. "Wir wurden nicht zum Streik aufgerufen", gaben die Männer zu Protokoll, die nicht die einzigen öffentlich Beschäftigten blieben, die gestern arbeiteten. Denn bei der allgemeinen Stadtverwaltung zeitigte der Streik nur wenige Folgen.

"Im Rathaus war es fast wie immer", resümierte am Mittwochnachmittag eine Stadtsprecherin. Was wiederum für die städtischen Kindertagesstätten nur bedingt galt. Im Gegensatz zur Müllabfuhr, wo der Warnstreik im Vorfeld angekündigt worden war und erwartungsgemäß einige Tonnen nicht abgeholt wurden, erwischte der Ausstand in Kitas einige Eltern kalt.

Bestreikt wurden die Einrichtungen Vorspel, Fuhr und Lummerland. Gleichwohl hielten sich die Auswirkungen auch dort am Ende in Grenzen. "Es wurden Notgruppen eingerichtet", teilte die Stadtsprecherin mit.

Quelle: RP
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