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Solingen
"Kinder kommen, wann sie wollen"

Solingen: "Kinder kommen, wann sie wollen"
Bozica Luketic ist Leitende Hebamme im Städtischen Klinikum. Rund 3000 Kinder hat sie in der Klingenstadt auf die Welt geholt. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Seit fast 30 Jahren arbeitet Bozica Luketic als Hebamme im Städtischen Klinikum. Rund 3000 Kinder hat sie auf die Welt geholt. Von Maxine Herder

Jeder einzelne der vier Kreißsäle im Städtischen Klinikum ist an diesem Mittag kurz vor Weihnachten belegt. Vor gerade einmal eineinhalb Stunden ist hier auch der kleine Marlon auf die Welt gekommen, der jetzt mit seinen Eltern darauf wartet, auf die Station gebracht zu werden. "In wenigen Stunden kann es hier schon wieder ganz anders aussehen. Dann kann es sein, dass gar nichts los ist. Die Arbeit ist immer unberechenbar", sagt Bozica Luketic, Leitende Hebamme. Und genau das sei das Schöne an ihrem Beruf: "Geburten lassen sich nicht planen. Denn die Kinder kommen, wann sie wollen."

Die 51-Jährige weiß genau, wovon sie spricht: Seit 1983 ist sie Hebamme, seit 1987 im Städtischen Klinikum, seit 2000 leitet sie dort das 15-köpfige Hebammen-Team. Rund 3000 Kinder hat sie in der Klingenstadt auf die Welt geholt.

Bozica Luketic wollte nie einen anderen Job: "Meine Mutter wollte, dass ich Krankenschwester werde. Aber ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen als diesen." Es waren die Geschichten jener alten Hebamme in dem Dorf in Kroatien, in dem Bozica Luketic aufgewachsen ist, die dazu geführt haben, dass sie schon mit 14 genau wusste, was sie einmal beruflich machen wollte: "Die Geschichten dieser Frau, die ohne Auto mit ihrer Tasche zu den weit verstreuten Dörfern unterwegs war, haben mich einfach fasziniert", erinnert sie sich. Mit gerade einmal 15 Jahren geht Bozica Luketic nach Abschluss der Schule in die Großstadt Zagreb, wo sie die anspruchsvolle Ausbildung zur Hebamme absolviert. Als sie wenige Jahre später nach Deutschland kommt, wird der damals herrschende Hebammen-Mangel zu ihrer Chance: Luketic beginnt ein Praktikum im Klinikum, macht ihre Anerkennung an der Hebammenschule in Wuppertal, legt 1988 ihr deutsches Diplom ab und kann schließlich als Hebamme im Klinikum beginnen.

Es ist die Vielseitigkeit der Arbeit, die sie bis heute reizt: "Es gibt kein anderes Fach, in der die Natur so viel mitgedacht hat, wie in der Geburtshilfe. Es ist ein verantwortungsvoller Job, den viele Menschen unterschätzen. Man braucht sehr viel Körpereinsatz, muss immer voll da sein. Hebammen sind nicht nur Geburtsbegleiterinnen, sondern auch Psychiater, Kinderärzte und manchmal Eheberater", sagt sie. Und sie haben vor allem eine Priorität: "Uns ist es egal, ob das Baby ein Mädchen oder ein Junge ist. Für uns ist es wichtig, ob das Kind gesund ist und es ihm und der Mutter gut geht." Und das sei auch trotz der zum Teil massiven Veränderungen in ihrem Beruf in den vergangenen immer gleich geblieben: "Die Kinder kommen nach wie vor gleich auf die Welt. Die Frauen jedoch sind heute informierter, wissen was sie wollen, wollen sich in der Geburt behaupten, etwas beitragen. Wir lassen die Frauen den natürlichen Vorgang der Geburt durchleben. Früher war unsere Aufgabe dabei vor allem die medizinische Versorgung. Heute wünschen die Frauen eine viel intensivere Betreuung."

Sie arbeite anders als ihr Vorbild, als jene alte kroatische Hebamme, durch die sie zu ihrem Beruf kam, sagt Bozica Luketic, aber anders sei auch gut. "Ich schöpfe den Beruf voll aus, biete Geburtsvorbereitungskurse und Wochenbett-Betreuung an. Man arbeitet da natürlich viel freier als in der Klinik, auch wenn man durch die strengen Gesetze sehr gebunden ist. Den Beruf der Land-Hebamme, wie ich ihn mir ursprünglich gewünscht habe, kann man hier deshalb auch nicht ausüben."

Die vielen Jahre Berufserfahrung, sagt Bozica Luketic, gäben ihr Sicherheit - und ließen sie zugleich niemals in Routine verfallen. "Jede Geburt muss individuell sein, und vor jeder Geburt muss man Respekt haben." Wenn heute im Klinikum ein Christkind geboren werden sollte, wird Bozica Luketic nicht dabei sein: Sie hat an Weihnachten frei. "Wenn jedoch ein Neujahrs-Baby kommt, habe ich gute Chancen, es auf die Welt zu holen", sagt die 51-Jährige.

Quelle: RP
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