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Solingen
Kurze Reise in eine ferne Welt
Solingen: Kurze Reise in eine ferne Welt
Mutter Ester und Vater Erich Jacobi, die in Wald ein Reisebüro führen, sind mächtig stolz auf ihren Shaolin-Sohn Julian. FOTO: RPO
Solingen. Der Solinger Julian Jacobi heißt seit zwei Jahren auch Shi Xiao Feng. Er ist Novize im buddhistischen Shaolin-Orden. Die Mönche sind berühmt für ihre Kampftechniken. Aber die sind nur Teil einer besonderen Spiritualität. Von Martin Oberpriller

Es herrschte Krieg im China des siebten Jahrhunderts, sogar der Kaiser war zwischenzeitlich in Bedrängnis geraten. Als die Lage jedenfalls fast aussichtslos erschien, da suchte der verzweifelte Monarch aus der Tang-Dynastie schließlich in einem buddhistischen Kloster am Fuße der fernen Songshan-Berge um Hilfe nach. Denn dort hatten Mönche ganz besondere Kampfformen entwickelt, die jetzt über Wohl und Wehe des Kaisers entscheiden mussten. Allein, die Zeit drängte, und der Weg zum Kaiser war weit.

Zeitsprung: Im Moment bereitet sich auch 19-jährige Shi Xiao Feng, im bürgerlichen Leben Julian Jacobi, auf eine Reise vor. Der junge Mann sitzt in Kaiserslautern auf gepackten Koffern. Morgen geht es für zwei Wochen zurück nach Solingen. Eine vergleichsweise kurze Strecke von 270 Kilometern zurück zu Eltern und Schwester, die im Schatten der evangelischen Kirche Wald ein Reisebüro betreiben.

In China gibt es schon lange keine Kaiser mehr, doch der Krieg, den letztlich 13 vom Shaolin-Tempel entsandte Mönche für den Herrscher zu gewinnen vermochten, spielt in Julians heutigem Leben immer noch eine besondere Rolle. Denn die damals siegreichen Kampfmönche begründeten eine buddhistische Tradition, die längst bis in unsere Breiten ihren Widerhall gefunden hat – und die auch den Solinger Shi Xiao Feng in eine fremde Welt führten.

Wie gesagt, die beginnt in unserem Fall in der doch recht nahen Pfalz. Doch Stopp, die Männer, die in Kaiserslautern in einer Straße mit Tankstellen und gleich neben einem Supermarkt seit 1997 in der klösterlichen Gemeinschaft der deutschen Shaolin-Mönche leben, wollen sich nicht auf ihre Kampfkunst reduzieren lassen. Eine Nadel durch ein Fenster werfen, einen Stein mit der bloßen Handkante zerschlagen – für Shi Xiao Feng alias Julian Jacobi, der seit zwei Jahren als Novize im Kloster in Kaiserslautern lebt, ist das alles nur Mittel zum Zweck: „Es geht darum, Energie positiv zu nutzen.“ Der Kampf dient längst friedlichen Zwecken. Ein paar Meter weiter sitzt zur gleichen Zeit Shi Heng Zong. Der Mann ist Abt des kleinen Tempels in Kaiserslautern, und auch er verweist auf die tiefere Bedeutung der Kampfkünste. „Der Kern des Buddhismus als Erkenntnisreligion besteht in der Befreiung des Menschen von seinem Leid“, erklärt der Abt mit chinesischem Namen sowie im leichten Singsang seiner pfälzischen Heimat. Und auf den Weg dorthin macht der Kampf selbst nichts weiter aus als den einen Teil einer ganzheitlichen Methode.

Philosophie, Meditation, Training, das Erlernen der chinesischen Sprache – am Ende steht eine ganz besondere Form der Spiritualität, die hohe Konzentration erfordert und auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Der Solinger Novize Shi Xiao Feng, der bis vor einiger Zeit ein ganz normaler Teenager und Graveur-Lehrling mit einer Vorliebe für ostasiatische Kampftechniken war, gehört durchaus zu einer Elite. „Wir bekommen jährlich 800 Bewerbungen, aber seit Julians Eintritt 2006 haben wir niemanden mehr aufgenommen“, berichtet Abt Zong.

Ein makelloses Führungszeugnis ist genauso nötig wie die Überzeugung, den Weg gehen zu wollen. „Nach einem zweiwöchigen Aufenthalt im Kloster wollte ich Mönch werden“, erinnert sich Julian, der danach sein Leben radikal änderte.

Waren Eltern und Freunde damals nicht schockiert? Vater Erich Jacobi gibt zu, dass die Entscheidung des Sohnes am Anfang schwer fiel, aber „inzwischen bin ich stolz auf meinen Sohn. Es war der richtige Entschluss.“

Und die Weichenstellung in eine ferne Welt, die manchmal ganz nah sein kann.

Quelle: RP
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