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Solingen
Landschaft nach der Vernichtung

Solingen: Landschaft nach der Vernichtung
FOTO: Kempner Martin
Solingen. Von den Nazis fast ermordet, von den Kommunisten misstrauisch beäugt: Das Zentrum für verfolgte Künste zeigt erstmals in Deutschland Werke von Jonasz Stern. Von Jan Crummenerl

Von einem, der fast buchstäblich von den Toten auferstanden ist, kann man wahrlich nicht sagen, dass er ein einfaches Leben hatte. Geschweige denn, es sich leicht gemacht hat. Als junger Kommunist war er im fast diktatorischen Regime des Marschalls Pilsudski im Polen der 30er Jahre nicht wohlgelitten, nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland ist er als Jude haarscharf dem Tode entkommen, im kommunistischen Nachkriegspolen war der intellektuelle Künstler den Machthabern ein Dorn im Auge.

"Am liebsten hätte man ihn zum Schweigen gebracht, aber dafür war er zu bekannt", sagt Dr. Maria Anna Potocka, Direktorin des Museums für Gegenwartskunst Krakau. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für verfolgte Künste ist nun im Solinger Kunstmuseum die Ausstellung "Landschaft nach der Vernichtung" von Jonasz Stern (1904 bis 1988) zu sehen.

"Es ist das erste Mal, dass dieser polnische Maler in Deutschland ausgestellt wird." Damit weist Dr. Rolf Jessewitsch, Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, darauf hin, dass Stern als Verfolgter der Nazis erst jetzt im Lande der Täter gewürdigt wird. "Stern hat unter drei autoritären und diktatorischen Regimes gelebt", führt Landtagsmitglied Josef Neumann (SPD) aus, der die Schirmherrschaft der Ausstellung übernommen hat. "Er hat auf Werte und Hoffnungen gesetzt, und seine Werke sind ein Zeichen dieser Würde." Stern habe uns damit einen Auftrag für die Zukunft hinterlassen. Für Neumann ist die Ausstellung nicht nur eine rückblickende Werkschau. Sie ist hochaktuell: "Für Werte wie Demokratie und Menschenrechte müssen wir heute kämpfen", so der Politiker zu den aktuellen Ereignissen auch am Bosporus. "Die EU ist bedroht von Regimen, die im Namen der Demokratie selbige zu unterwandern versuchen."

Die Ausstellung der Werke Sterns - beide Museen gedenken damit auch dem 25-jährigen Bestehen des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags - ist beredtes Zeugnis einer zutiefst humanistischen, menschenliebenden Gesinnung. Dabei gelingt Jonasz Stern die doppelte Gratwanderung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen erlebtem Grauen und gelebter Hoffnung. Jessewitsch: "Obwohl Stern hierzulande fast unbekannt ist, gehört er zu den großen Malern des 20. Jahrhunderts."

Autobiografisch und symbolisch zugleich ist der Titel der Ausstellung: "Landschaft nach der Vernichtung." Zunächst vom polnischen Staat interniert, floh Stern nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von Krakau nach Lemberg. Sein ganzes Werk ließ er in seinem Studio zurück. Nichts davon überdauerte den Krieg. Nach der Besetzung Lembergs durch die Deutschen kam Stern als polnischer Jude ins Ghetto. Am 1. Juni 1943 sollte er bei einer Massenerschießung ermordet werden. Aber wie durch ein Wunder traf keine der Kugeln den Künstler. Nachts kroch er aus dem Leichenberg und versteckte sich zunächst in einem Feld. Ein 13-jähriges Mädchen versorgte Stern mit Lebensmitteln, bevor ihm dann die Flucht nach Ungarn gelang.

Sterns Werke sind zum einen eine Auseinandersetzung mit dem Erlebten, zum anderen aber auch der Versuch eines Abstand gewinnens. So etwa, wenn der Maler mosaischer Konfession 1948 ein abstraktes Marienbild auf die Leinwand bringt: Es geht ihm darum, Menschenliebe zu bewahren und weiterzugeben. So bekommen gerade die nach dem Krieg entstandenen Holzschnitte des Zyklus' "Das Ghetto in Lemberg" eine beinahe biblische Wucht in ihrer Darstellung. Im buchstäblich Holzschnittartigen versteht es der Künstler, Grauen und Hoffnung spürbar zu machen.

Eindringlich sind ebenfalls seine Kollagen aus Knochen, Gräten und Stofffetzen. "Das zeugt vom Fragmentarischen des Daseins, das vom Künstler neu geordnet und neu geschaffen werden muss", erläutert Jürgen Kaumkötter, Kurator der Ausstellung. Und immer wieder finden sich Sand und Sandfarben - die Farbe der Lemberger Kuhle, in der Stern erschossen werden sollte. Das Material wird zur Übertragung des Erlebten.

Quelle: RP
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